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Nicht überzeugend: Wulf Dorn - Kalte Stille
Der Psychiater Dr. Jan Forstner (35) versucht in seinem Heimatstädtchen einen beruflichen Neuanfang, doch schon bald holt ihn die Vergangenheit ein, genauer gesagt die Geschehnisse vor 23 Jahren: Zunächst ertrank vor seinen Augen eine Nachbarin, dann verschwand bei Jans Versuch, mit der Toten Kontakt aufzunehmen sein kleiner Bruder spurlos und schließlich kam auch noch der Vater bei einem Unfall ums Leben. Mit diesem vom Schicksal schwer geschnürten Ränzlein tritt der Doktor seine neue Stelle am örtlichen Klinikum an und wird kurz darauf Zeuge eines blutigen Selbstmordes einer jungen Frau, die dort in der Psychiatrie in Behandlung war und eine verblüffende Ähnlichkeit mit der damals Ertrunkenen aufweist. Zur Vertreibung seiner ganz persönlichen Dämonen unterzieht sich Jan einer Hypnose-Therapie und auch im Krankenhaus findet er diverse Spuren, die ihn der Lösung des Rätsels, das ihn schon so lange verfolgt endlich näher bringen? Zunächst einmal das Positive: Der Plot ist routiniert erzählt und hat durchaus auch spannende Momente, so verwundert es nicht, dass es dem Autor gelingt, eine Fangemeinde um sich zu scharen. Trotzdem wird er zumindest mit ?Kalte Stille? auf meine Mitgliedschaft in diesem Club verzichten müssen. Der Schreibstil mit arg gestelzter Sprache wirkt reichlich bemüht und die eher seicht angelegten Figuren, die dennoch allesamt mit bedeutungsschwerem Pathos agieren, rühren nicht wirklich ans Herz des Lesers, dafür kommen sie zu plastikhaft daher. Als ärgerlich empfand ich die wenig subtilen Versuche, den Leser ständig mit der Nase auf den vermeintlich Verdächtigen zu stoßen; so funktioniert das Thriller-Genre nicht! Weitere Minuspunkte: Die gekünstelten übernatürlichen Elemente und die Andeutung einer Romanze am Ende, die aber auch gar nicht in das Gesamtbild passt. Tut mir leid, das hat mich nicht überzeugt. Wulf Dorn Kalte Stille Heyne (August 2010) ISBN-13: 978-3453266865 Kommentare

Solide Action-Unterhaltung: Jamie Freveletti ? Flieh
Die Biochemikerin Emma Caldridge ist mitten in einem Extremmarathon in Südafrika unterwegs, als neben ihr eine Bombe explodiert. Sie ringt noch um Fassung und Besinnung, da rammt ihr ein Unbekannter eine Spritze mit einem Wundermittelchen in den Arm; sie rennt jedenfalls weiter und erreicht das Ziel in persönlicher Bestzeit. Viel Zeit zum Nachdenken bleibt ihr allerdings nicht, denn nun soll sie auf dem Kreuzfahrtschiff ?Kaiser Franz? (kein Witz!) eingesetzt werden. Bereits dort an Bord befindet sich Cameron Sumner, ein kampferprobter Haudegen, der wie Emma für die amerikanische Sicherheitsfirma Darkview tätig ist. Er bekommt schnell alle Hände voll zu tun, denn der Luxus-Liner gerät ins Visier somalischer Piraten, die unter dem Regiment eines einheimischen Warlords ein lukratives Geschäft wittern; die ?Kaiser Franz? beherbergt nämlich nicht nur eine Reihe übergewichtiger Passagiere und gelifteter Passagierinnen, sondern angeblich auch jede Menge neuartiger chemischer Kampfstoffe. ?Flieh? (wer denkt sich eigentlich diese dämlichen deutschen Titel aus?) ist ein solider Action-Thriller, flüssig und flott erzählt. Dem Verkaufserfolg sicherlich auch nicht abträglich ist die Aktualität der modernen und gar nicht romantischen Seeräuberei, da dies von der Autorin jedoch nicht geplant war, muss sie sich dem Vorwurf des Wellenreitens nicht aussetzen. Was mich von einer höheren Bewertung abbringt, sind vielmehr andere Eindrücke: Der Roman ist eine Spur zu ambitioniert, da Jamie Freveletti sehr viele Themen zwischen die beiden Buchdeckel packt; beispielsweise kann die wirklich beklagenswerte Situation in Afrika naturgemäß nur oberflächlich gestreift werden und tiefer gehende Analysen müssen auf der Strecke bleiben. Auch die zwei Hauptdarsteller kommen ein wenig eindimensional daher, die Superhelden-Qualitäten mag man ihnen nicht so recht abkaufen. Unterm Strich bleibt dennoch ein unterhaltsames und spannendes Lesevergnügen und das ist mehr, als andere Vertreter des Genres anzubieten haben. Jamie Freveletti Flieh Ullstein Okotober 2010 ISBN-13: 978-3548281209 Kommentare

Nicht nur für Bayern: Andreas Föhr ? Schafkopf
Es geschieht so allerhand in dieser Juni-Nacht 2007 unweit von Miesbach, Oberbayern: In einer denkwürdigen und folgenreichen Schafkopf-Partie wird ein Solo verloren, zwei ständig verprügelte Freundinnen wollen endlich ihr Leben ändern und 200.000 Euro Schwarzgeld treten eine längere Reise an. Mehr als zwei Jahre später besteigt ein Kleinkrimineller ? bewaffnet mit einem 10-Liter-Bierfass ? den Riederstein, einen Berg hoch über dem Tegernsee und verliert auf dem Gipfel buchstäblich den Kopf, erschossen von einem osteuropäischen Präzisionsgewehr. Eine wahrlich harte Nuss für Kommissar Wallner und sein Team, zumal wenig später auch noch ein angeblicher Zeuge ebenfalls dahin gemeuchelt wird? Gewürzt mit reichlich Lokalkolorit und einer Prise trockenen Humors führt der gelernte Jurist Andreas Föhr den geneigten Leser gekonnt durch einen spannenden Kriminalfall. Seine Protagonisten bedienen sich dabei zwar bisweilen des bayerischen Dialekts und einschlägiger Charaktereigenschaften, driften aber nie in platten Klamauk á la ?Pater Braun? oder ?Der Bulle von Tölz? (obgleich er für genau den schon Drehbücher lieferte) ab. Mit flottem Schreibstil und geschickt platzierten Rückblenden wird der Roman auch bei mehr als 400 Seiten niemals langweilig und der Schluss überrascht durchaus, ohne deswegen konstruiert zu wirken. Ein veritables Lesevergnügen, nicht nur für Bayern! Andreas Föhr Schafkopf Knaur (September 2010) ISBN-13: 978-3426663981 Kommentare

Erebos. Thriller um Internetsucht
An einer Londoner Schule geschehen rätselhafte Dinge. Schüler tauschen geheimnisvolle Päckchen aus, und selbst gute Freunde benehmen sich untereinander seltsam. Nick versucht heraus zu finden, was geschieht. Doch er blickt erst durch, als auch er in den Kreis der Eingeweihten aufgenommen wird und eine geheimnisvolle CD erhält. Auf dem Speichermedium befindet sich ein Spiel namens Erebos, das den Jugendlichen sofort in Bann schlägt. Nick wählt einen Spielcharakter mit individuellen Eigenschaften und zieht in die Schlacht gegen allerlei erbarmungslose Kreaturen. Doch Erebos ist anders als die üblichen Strategiespiele, die Nick kennt. Eine geheimnisvolle Macht scheint hinter dem Spiel zu stecken, fast mutet sie menschlich an. Jedem Mitspieler ist es zudem verboten, über das Spiel zu sprechen, und jeder hat auch nur einmal ein Leben zu verlieren. Weitere Chancen gibt es nicht, das Spiel widersetzt sich einer Neuinstallation. Nick taucht schnell in das Spiel ein. Binnen weniger Tage vernachlässigt er seine Schularbeiten ebenso wie seine Freunde. Mit jedem neuen Level bei Erebos verliert seine Lebenswirklichkeit an Wert. Das Spiel ist anders als alles, was er bisher gespielt hat. Der Junge verweigert sich zunehmend und verschreibt sich den Verlockungen der Weltenflucht. Mit ganzem Herzen stürzt er sich in die scheinbare Unendlichkeit des Spielgeschehens. Innerhalb kürzester Zeit verwandelt er sich in einen Internetjunkie, der bleich und hohläugig den Unterricht verpennt, und dessen Gedanken ausschließlich um den Spielverlauf kreisen. Ein geheimnisvoller Bote, der ihm im Spielgeschehen immer wieder begegnet, stattet ihn mit immer neuen Waffen und Fähigkeiten aus. Dafür muss Nick in der Realwelt seltsame Aufgaben verrichten. Er deponiert Gegenstände unter Brücken und fotografiert heimlich ihm unbekannte Menschen. Als er sich weigert, einem Lehrer, der Erebos kritisch sieht und bekämpft, Gift in den Tee zu kippen, wird er aus dem Spiel geworfen. Verzweifelt sucht er eine Möglichkeit, weiterspielen zu können. Ist Erebos eine lernfähige Software, die lesen und das Gelesene inhaltlich verarbeiten kann? Handelt es sich um Künstliche Intelligenz? Jedenfalls ist es ein unheimlich realistisches Spiel, das mit jedem Spieler individuell spricht, ihn beobachtet, belohnt, prüft, gegebenenfalls auch bedroht, und ein Ziel hat: Es will töten. Die Autorin versteht es, die Faszination gut gemachter Computerspiele zu vermitteln. Sie zeigt, wie schnell Sucht entstehen kann, welche Macht ein Programm über Menschen bekommen kann und wie diese sich dann auch in ihrer Persönlichkeit verändern. Dabei erzählt sie die Geschichte derart dicht und spannend, dass man vermuten könnte, sie stamme aus den USA. Tatsächlich stammt Ursula Poznanski aus Wien und hat bisher Kinderbücher verfasst. Erebos ist nicht nur optimal geeignet, um mit Jugendlichen, die gern am Computer spielen, ins Gespräch zu kommen. Auch gestandene PC-Nutzer werden das Buch verschlingen, denn Erebos ist atemberaubend. var flattr_url = 'http://literaturzeitschrift.blog.de/2010/07/17/erebos-thriller-computerspiele-8993603/'; var flattr_btn='compact'; Ursula Poznanski Erebos. Thriller Loewe-Verlag 2010 486 Seiten. ? 14,90 ISBN 978-3-7855-6957-3 Kommentare

Dan Wells - Ich bin kein Serienkiller
HAB KEINE ANGST VOR ANDEREN. HAB ANGST VOR DIR SELBST! Du spürst, da ist etwas Böses in dir. Deine Freunde behaupten, es sei bloß Einbildung. Doch du weißt es besser. Mit allen Mitteln versuchst du es zurückzuhalten. Verbietest dir den Kontakt zu dem Mädchen, das du liebst, besuchst den Psychotherapeuten, hältst dich stets unter Kontrolle. Doch niemand kann dir helfen. Denn diese dunkle Gewissheit ist da. Eines Tages wird es ausbrechen. Du wirst zum Serienkiller werden. Die Frage ist nur ? wann? Soweit zum Klappentext. Wer hier nun einen waschechten Thriller über einen angehenden Serienkiller erwartet, wird ab der Seite 137 eines besseren belehrt. John ist kein gewöhnlicher 15-jähriger Junge. Er wohnt in der Kleinstadt Clayton im Mittleren Westen der USA, seine Mutter betreibt mit ihrer Schwester ein Bestattungsunternehmen und er hat eine Vorliebe für bekannte Serienkiller. Er hat deren Verhaltensweisen bis ins Detail studiert und kann jedem FBI-Profiler den Rang absprechen. Doch John hat auch ein Problem. Er kämpft mit seinem inneren Dämon und lebt nach selbst aufgestellten Regeln, um einen Ausbruch der inneren Bestie zu verhindern. So macht er Menschen, bei denen er den Drang verspürt, sie zu töten, Komplimente. Oder er verbietet sich, mutmaßliche Opfer zu beobachten und deren Leben auszuspionieren. Und er vermeidet emotionalen Kontakt und Bindungen. Dan Wells erzählt die Geschichte um den inneren Kampf von John aus der Ich-Perspektive. Dabei verwendet er eine einfache Sprache, die sich flott lesen lässt und unterhaltsam ist. Es macht Spass, Johns inneren Dialog mit zu erleben, wie er sein Verhalten versucht zu kontrollieren und wie er mit seinen Mitmenschen ? seinen möglichen Opfern ? umgeht. Wells verknüpft immer wieder geschickt bekannte Tatsachen und Verhaltensweisen von Serienkillern mit seinem Helden. Er schafft es, dass man für John Sympathie empfindet. Bereits auf der ersten Seite und damit zu Beginn der Story, wird man damit konfrontiert, dass ein Serienkiller sein Unwesen in der Kleinstadt Clayton treibt, die Opfer grausam zurichtet und immer wieder Leichenteile fehlen. Für John eine spannende und interessante Alternative zu seinen bisherigen Mordgedanken, denn er kann sich nun sein gesamtes Wissen über Serienkiller zu Nutze machen. Weiterer Vorteil für ihn: Alle Leichen werden nach der Gerichtsmedizin zu seiner Mutter gebracht und somit hat er direkten Kontakt zu den Überbleibseln der Morde. Noch bevor die Medien und die Cops von einem Serienmörder sprechen, ist John bereits alles klar und er macht sich auf, die Hintergründe aufzudecken und den Mörder zu identifizieren. ACHTUNG SPOILER ? WER SICH DEN ÜBERRASCHUNGSMOMENT AUFHEBEN MÖCHTE, SOLLTE NICHT WEITER LESEN! Wer nun einige Romane aus diesem Genre gelesen hat, mutmaßt natürlich mit der Möglichkeit, dass John für die Morde selbst verantwortlich ist und aufgrund einer Persönlichkeitsspaltung oder ähnlichem seinem eigenen Fall auf der Spur ist. Auch die häufigen Dialoge und Hinweise auf den inneren Dämon verstärken diese Idee, dann wäre es allerdings sehr einfach und langweilig. Dan Wells hat allerdings anderes mit dem Genre und dem Leser vor. Auf der Seite 137 erfahren wir, dass der Serienkiller tatsächlich ein Dämon ist, der Körperteile für seinen am Verfall leidenden Körper benötigt. Ich muss zugeben, dass mich diese Wendung sehr überrascht hat, ich aber weiterhin an eine Möglichkeit dachte, die am Ende doch wieder auf John hinausläuft. Dem ist aber nicht so. Ab diesem Moment sprechen wir hier von einem Fantasy-/Horror-Thriller, denn nun wird aus John, dem verkappten Serienkiller, ein Dämonenjäger. Jetzt zeigt die Story auch ihre Schwäche, denn John ist mir zu clever und zu intelligent und somit übermächtig. Der Dämon ist im Vergleich eindimensional, dumm und einfältig und das hat er nicht verdient. Dazu kommt noch eine Prise Liebe ins Spiel, denn wir wissen alle, dass die Kraft der Liebe alles ermöglicht oder verändern kann und auch das wirkt sehr pathetisch und klischeehaft. Mehr möchte ich nicht verraten. Man hofft auf eine weitere Wendung, die nicht stattfindet und somit spinnt Dan Wells seinen Dämonenplot konsequent zu Ende. Spannend dabei ist noch, dass John seine inneren Blockaden einreißen muss, um den killenden Dämon zu bewältigen. Er benennt seine mordlüsternde Seite als Mr Monster ? der Titel des zweiten Teils von Dan Wells ?, und man darf gespannt sein, wie sich John künftig entwickeln und verhalten wird. SPOILERENDE. Unterm Strich hat mir der Schreibstil gut gefallen und gerade Johns innerer Kampf hat seine Glanzmomente, aber auch der äußere Kampf und die Jagd nach dem Serienkiller sind unterhaltsam. Trotzdem bleibt ein schaler Nachgeschmack, denn ich finde, aus dieser Idee hätte man mehr machen können. Manche Figuren und Hintergründe hätten mehr Tiefe verdient und so wundert es mich nicht, dass ich die 376 Seiten in knapp fünf Stunden durch hatte. Ich hätte mir vielleicht doch noch eine unvorhergesehene Wendung und nach der Seite 137 mehr in Richtung Stephen King gewünscht. Erwähnenswert ist noch die Aufmachung des Buches, dessen Cover eine Steinwand ziert (die Wand, hinter der John Mr Monster versteckt hält), auf der in blutiger Schrift der Titel ?Ich bin kein Serienkiller? herunter tropft. Weiterhin sind die Seiten des Buches unregelmäßig breit und es ergibt sich somit auch haptisch ein ungewöhnliches Buch. Der zweite Teil ist bereits zu haben unter dem Titel ?Mr Monster? und ich werde ihn mir die Tage kaufen, denn ich möchte wissen, wie John seinen inneren Dämon bewältigt ? oder ob es ihm überhaupt gelingt. Scheinbar hat Wells seine Story als Dreiteiler angelegt, so dass man noch einen dritten Teil erwarten darf. Dan Wells Ich bin kein Serienkiller Verlag: Piper; Auflage: 6 (März 2010) ISBN-13: 978-3492701693 Kommentare

Maria Sorger: Warum Venedig?
Na klar: Venedig - immer wieder Das Buch titelt und beginnt mit der Frage ?Warum Venedig?? Ja, warum denn nicht? Das ganze Buch ist eine Antwort: ?Ach, diese Architektur! Dieses Licht! Die Kunst! Die Menschen hier... der Kaffee in den morgendlichen Bars... die nächtlichen Spaziergänge... Venezia!!? (S. 1) Das Bändchen ist ein würdiges Loblied auf die famosen Venezianer (Mehr Gründe bedarf es nicht für ?Immer wieder Venedig?!), stets wird liebevoll und mit einem kleinen Schuß Ironie berichtet und die kleinen, scheinbar schnell hingeworfenen Zeichnungen passen exakt (Nein: ?Faust aufs Auge?, paßt hier nicht!) jeweils zu einer Textstelle. Allein die sind schon fünf amazon-Sternchen wert! Erstaunt bin ich, hier so viel unerwartetes Neues zu finden: Über eifrige restauri und vorsichtig äugende, liebenswürdige Nachbarn (S. 4ff), über einen Sänger, der gar nicht erst so tut, als könne er singen (S. 17ff), über Hilfsbereitschaft und gleichmütigem Umgang mit dem Acqua alta (S. 21ff), über Giorgio Zamberlan (S. 34ff), über den ?Mann von nebenan? (S. 44ff) und die ?Signoria? (S. 51ff), über das Nicolao Atelier, Cannaregio 2590 (S. 59ff), über Tizian, Schwierigkeiten bei Gemälderestaurierungen (S. 63ff), noch mal über Tizian und Otto Demus (S. 106ff), über Arthur Schnitzlers ?vergessene Tochter? Lilli Cappellini (S. 69ff), über ?muraneser Perlen an den Seidenjacken chinesischer Mandarine, an Eskimomützen oder an den Talaren und Kopfbedeckungen der Eingeborenen im tiefsten Afrika? (S. 83), über den ?Würgegriff des Massentourismus? (S. 90ff), über Lebensraum, der sich auf den Platz vor dem Haus beschränkt (S. 96ff), über den ?verbrauchten Karneval? (S. 99ff), über fußlose Häuser (S: 111ff), über Unterröcke tragende Mönche (S. 117ff), über ?zwei zugeknöpfte, nicht mehr sehr junge Damen..(, die meinten), ein 'Casanova' müsse meilenweit zu identifizieren sein? (S. 131), über die alte Tradition, Sonntags zu waschen (S. 140ff), und schließlich erfährt man das höchstmögliche Lob der Glasmacher: ?Du schaffst doch glatt die Beine einer Fliege!? (S. 150). Selbst wenn man sich einigermaßen in der Venedig-Literatur auskennt (Ich konnte bislang 495 seit 1980 in deutscher Sprache erschienene bzw. neu aufgelegte Venedig-Bücher - die Venedig-Reiseführer und in Venedig handelnde Literatur i.e.S. zähle ich nicht mit ? ausmachen.), wird man hier vielfach und angenehm überrascht. ?Wem die Geschichte zu abenteuerlich klingt, der mag freilich zum geläufigen menù turistico zurückkehren... Ich würde es nicht tun!? (S. 156) Leider ist diese Labsal kaum im Buchhandel und auch nicht bei amazon.de zu haben, kann aber unter www.mariaso.net bestellt werden. Maria Sorger Warum Venedig? Vom gewöhnlichen Leben in einer ungewöhnlichen Stadt. 24 Kurzgeschichten. Eigenverlag Wien 2009 ISBN 978-3-9502726-0-4 Kommentare

Henri de Régnier: "wenn man Venedig liebt, ist man zu jeder Tollheit fähig"
Ja, so etwa sollte man als Ausländer über Venedig schreiben Henri de Régnier ist ja inzwischen wohl irgendwie ein Klassiker und daher sowieso über alle Kritik erhaben. Leider muß man etwas einschränkend sagen ?ein Klassiker seiner Zeit?. Er ist so sehr vergessen, daß er bislang bei wikipedia.de keinen Eintrag hat, und die Brockhaus-Enzyklopädie (Bd. 18 Mannheim 1992 S. 206) widmet ihm knappe 17 Zeilen. Marcel Reich-Ranicki wird nicht müde, wo es ihm notwendig erscheint, darauf hinzuweisen, daß Bücher generell ein Verfallsdatum haben. Nur ganz wenige Bücher überleben dieses und man kann nur immer wieder hoffen, es seien auch die besten. Daher ist es mutmaßlich auch vergebliche Liebesmüh, das Publikum auf ein inzwischen fast vergessenes Werk hinzuweisen. Mein ?Lest dieses Buch!? ist daher vor allem an alljene gerichtet, die ihren Drang, über Venedig schreiben zu wollen, nicht unterdrücken können (Denen rechne ich mich auch selbst zu.). Aber Henri de Régnier zu Venedig ist durchaus allgemein lesenswert, liebenswert, weil liebenswürdig geschrieben. Freilich, in unserer schnelllebigen Zeit erscheint manche Passage vielleicht etwas langatmig, manche Sentenz zu Personen, die man heute kaum mehr kennt (und auch nicht alle muß man kennen), entbehrlich. Seine mitunter etwas ausufernden Beschreibungen lassen aber auch in der deutschen Übersetzung höchstes sprachliches Niveau erkennen (ich kann es im Originaltext nicht wirklich beurteilen) und ein wenig Entschleunigung tut uns in unserer hektischen Zeit vielleicht ganz gut. Henri de Régniers Aufzeichnungen zu seinen Venedig-Aufenthalten - von 1899 bis 1924 waren es insgesamt zwölf - sind in diesem Band zusammengefaßt. Es sind Annäherungen an die geliebte Stadt. Die deutsche Betitelung, ?In Venedig leben. Reisen um glücklich zu sein?, geht haarscharf am Inhalt vorbei, zumal sich hier Titel und Untertitel einander widersprechen. Treffender ist der Originaltitel: Der Altan oder das Venezianische Leben. Der Altan ist die Aussichtsplattform des Palazzo Dario, die Henri de Régnier oft genutzt hat, und La Vie Vénetienne läßt offen, ob er selbst in Venedig zum Leben erwacht ist oder ob das beobachtete Venezianische gemeint sei. Es ist kennzeichnend, daß neun der 17 Kapitel mit einer Beschreibung, Ausmalung des Weges nach Venedig hin, mit der Ankunft dort beginnen. Das ganze Buch dokumentiert eine beständige Annäherung an Venedig: ?Venedig hat die Lobhudler nicht nötig. Seine Schönheit genügt sich selbst... Man muß sich dazu zwingen, es zu nehmen, wie es ist, man muß Genauigkeit und Ernsthaftigkeit walten lassen, denn man kann Venedig lieben, ohne exaltiert zu sein und ohne Außergewöhnliches zu erwarten.? (S. 19) Aber und gerade deshalb: ?...Venedig gehörte mir nicht, aber ich gehörte ihm, und dadurch hatte ich ein Gefühl von Schutz und Trost.? (S. 48) Und: ?Wichtigster Punkt und Grundregel: Lebe in Venedig, wie du überall leben würdest. Bleibe du selbst und mache keine Kunstfigur aus dir.? (S. 60) "...was die Moralisten unter den Zeitungsschreibern 'das venezianische Gift' nennen und das ganz einfach in dem Vergnügen besteht, einige Wochen der Ruhe und der Träume in der schönsten und lieblichsten Stadt der Welt zuzubringen, seine Augen an der Schönheit der Dinge zu weiden, die Wonnen des Lichts und des Schweigens zu genießen. Das scheint mir in der Tat ein Gift zu sein, und es legt einem den zärtlichen Wunsch ans Herz, sich auf neue mit ihm vollzusaugen." (S. 139) ?Venedig ist unerschöpflich, und niemals kennt man es ganz.? (S. 181) ?..wenn man Venedig liebt, ist man zu jeder Tollheit fähig.? (S. 185) ?Venedig genügt mir, und ich laufe keinem anderem Vergnügen nach als ihm selbst.? (S. 211) ?Venedig steht bereit und erwartet mich in seiner Schönheit und seinen Erinnerungen.? (S. 243) ?Nie kennt man Venedig ganz.? (S. 262) ?Es gibt Orte, die verläßt man nicht, selbst dann nicht, wenn man sich von ihnen entfernt, ebenso wie die Liebe weder von Zeit noch Raum abhängig ist.? (S. 273) Über die barbarischen Zerstörungen, die der I. Weltkrieg in Venedig angerichtet hat und von denen er in Paris hörte, kann sich Henri de Régnier ebenso empören, wie über jene am Ort, wo ihn diese Nachricht erreichte (S. 197-206). Seine ungeteilte und bewundernde Sympathie gilt dagegen ehrenwerten Persönlichkeiten seiner Zeit, die sich um die Erhaltung Venedigs verdient gemacht haben wie Madame de la Baume, Prinz Friedrich von Hohenlohe, Mariano Fortuny y Madrazo, Pompeo Gherhardo Molmenti, Baron Giorgio Franchetti, Frederic Eden. Und kann es ein höheres Lob für eine Stadt durch einen Franzosen geben, als einen abschließenden und zusammenfassenden Vergleiche mit seinem geliebten - natürlich! - Paris?: ?So oft habe ich in der von Bauwerken umstandenen Esplanade des Palais-Royal die Ähnlichkeit zum Markusplatz gesucht. Ein verwandter Zug einte sie in meinem Geist... Aber die Seine ist nicht Lethe, und man vergißt Venedig nicht mehr, wenn man vom Zaubertrank seiner Schönheit genossen hat.? (S. 276) Lesen Sie es selbst! Henri de Régnier In Venedig leben Paul List Verlag München 1988 ISBN-10: 3471785396 ISBN-13: 978-3471785393 Kommentare

Ein Bremer in Berlin: Sven Regener ? Der kleine Bruder
Nach der erfolgreichen Verbannung aus der Bundeswehr setzt sich Frank Lehmann mit einem Kumpel ins Auto und brettert von Bremen nach Berlin um sich in der WG seines Bruders, der dort als Künstler arbeitet, häuslich niederzulassen. Dort findet er zwar keine Spur von Manni bzw. Freddie, dafür aber jede Menge skurriler Gestalten, die ihn sogleich unter ihre Fittiche nehmen. Es beginnt eine lange Nacht, in deren Verlauf sich Frank mit den seltsamen Gebräuchen der Hauptstadt anno 1980 vertraut zu machen beginnt; tatkräftig unterstützt von seinen neuen Kumpanen. Als aber am nächsten Tag der verschollene große Bruder immer noch nicht auftaucht und zu allem Überdruss auch noch die Mutter aus Bremen telefonisch nervt, beginnt Frank mit der Suche, die sich allerdings schwieriger gestaltet als erwartet, denn Mannis Freunde scheinen ihm etwas zu verheimlichen? Mit ?Der kleine Bruder? liegt nun auch der dritte Band der Lehmann-Trilogie des Bremer Erfolgsautors und Multitalents (er ist ja auch noch Sänger der Band Element of Crime) Sven Regener vor. Obwohl, ganz so einfach ist es auch wieder nicht, denn der zuletzt veröffentlichte Roman ist eigentlich der Mittelteil der Trilogie. Für Neueinsteiger, die jetzt die Chance haben, die Bücher in der korrekten chronologischen Reihenfolge zu lesen, empfiehlt sich diese Lektüre: 1. Neue Vahr Süd 2. Der kleine Bruder 3. Herr Lehmann Nach den beiden bisherigen Werken war ich nun etwas enttäuscht. Der Roman beginnt zwar stark, schwächelt aber bald, da der Plot einfach zu flach ist, um über mehr als 300 Seiten zu tragen. Daraus resultiert eine Dialoglastigkeit der immer selben Protagonisten, die sich auch noch in den verschiedenen Kneipen permanent über den Weg laufen. Um Missverständnissen vorzubeugen: Das Buch ist gewohnt gut geschrieben, durchaus lesenswert, für Lehmann-Fans sowieso unverzichtbar und überzeugt auch als nostalgisches Zeitdokument, das das Chaos aus Punks, Hausbesetzern und K-Gruppen in der Mauerstadt trefflich beschreibt. Wirklich nicht schlecht, dennoch hatte ich mir insgesamt mehr davon versprochen. Sven Regener Der kleine Bruder Goldmann 2010 ISBN-13: 978-3442470310 Kommentare

Frank Schätzing - Limit
Ich habe fertig. Mit dem neuesten Schätzchen vom Schätzing. Doch es hat selbst mich - -bekennende Schnell-und Vielleserin - an mein Limit geführt. Rundheraus - wenn ich nicht aus Prinzip (fast) alles zu Ende lese, womit ich einmal angefangen habe, ich hätte es gelassen. Reines Vergnügen ist anders. "Limit" spielt in der bereits in Sichtweite winkenden Zukunft der zwanziger Jahre unseres Jahrhunderts. Vordergründiges Thema ist die Entdeckung des Mondes als ergiebige Rohstoffquelle. Die Erschließung und Förderung des Mond-Rohstoffes Helim 3 hat begonnen, doch noch ist es nicht zu spät für Investoren, sich ein Stück vom Kuchen zu sichern. Ergo reisen diese, gemeinsam mit Promis der A-Klasse via Aufzug ins All und in ein Mondhotel, naturellemente mit Wellnessbereich, Golf- und Tennisplätzen, Sterneküche, in epischer Breite detailversessen beschrieben. Doch Überraschung - nichts ist wie es scheint. Es droht Gefahr - in Gestalt einer altmodischen Atombombe, altmodisch geklaut in einem afrikanischen Schurkenstaat. Auf dem Mond geht dann alles schief: Es brennt, qualmt, ganze Etagen des Hotels stürzen ein, dramatisch schliessende Trennwände trennen die Besucher vom Sauerstoff. Zwischendurch nimmt uns das Buch mit auf Spurensuche nach Alaska, Amerika, Afrika, Europa und vor allem nach China. Dort bekommt ein Privatdetektiv den Auftrag eine junge, attraktive Dissidentin zu suchen. Er findet sie, sie überleben Mordanschläge, flüchten mal hierhin, mal dorthin und schon nach 700 Seiten wissen wir, wie diese beiden Plots zusammengehören. Zwar wissen wir immer noch nicht, ist China der wahre Feind oder die CIA oder unbekannte Heuschrecken oder vielleicht doch Dieter Bohlen? Es wird auf jeden Fall reichlich gestorben auf reichlich Seiten bedruckten Papieres. Irgendwann - nach der sechsten Staffel, äh nach über 1300 Seiten wird der Plot aufgelöst. Viel, viel unspektakulärer als der irrsinnige Einsatz von Technik, mit dem der Autor sein selbst geschaffenes Universum ausgerüstet hat. Nach roundabout 600 Seiten war ich mir verhältnismäßig sicher, den Bösewicht enttarnt zu haben. Um dann aber immer wieder zu denken, ach was, so einfach wird er es sich doch wohl nicht machen. Ich hab ja auch erst die Hälfte hinter mir. Dachte ich so. Es kamen aber nur fliegende Motorräder, Personen scannende Brillen, Gedächtniskristalle und sonstiges James-Bond-reloaded Gedöns. Ich behielt Recht mit meiner "Whodunit"Theorie. Bedauerlicherweise. Was bleibt ist Science Fiction, gepaart mit gesellschaftskritisch erhobenem Zeigefinger. Und kleinen, nur äußerst bedingt witzigen Jokes am Rande. So jubeln Menschen, die bei Psychologiecomputern seelischen Beistand suchen, bei Konzerten der gereiften tokioter Hoteliers und des hochbetagten David Bowie. Um anschliessend en Schnitzelken im Berliner Borchard zu verschnabulieren..... Die China-Story und das Mond-Thema reichen eigentlich jeweils für eigene Bücher. Dadurch kommt Limit alleine vom Umfang her an die Grenzen dessen, was Schätzing zu erzählen imstande ist. Wenn er noch dazu für jeden einzelnen Sidestep, ob extraterrestrial oder chinesisch einen so langen Anlauf nimmt, dass die Spannungsbögen irgendwo im Orbit verschwinden, ist es irgendwann für den Leser die spannendste Frage, ob er noch folgen kann respektive möchte. Dazu bremsen Einschübe, psychologische Betrachtungen, Vermittlung von Wissen à la Familienbildunsstätte über Siedepunkte und Temperaturverhältnisse mein Interesse. Das Finale auf dem Mond wirkte abgekupfert und bekannt. Ich weiß nur nicht ganz genau, wovon. Danach: Noch ein Finale. Psychologische Aufarbeitung. Geplänkel. Und noch ein Finale. Und die Auflösung. Und das Ende. Uff. Ich fand schon den "Schwarm" streckenweise mit Längen überladen. Dennoch spannend. "Limit" hat mir nicht viel bis gar nichts gegeben. Da mag Schätzing noch so ein Gesamtkunstwerk mit hochkomplexer Website, Lesungen, Podcasts und Musik geschaffen haben, das Einzige, was sich bei mir manifestiert hat, ist ein schaler Nachgeschmack der Selbstbeweihräucherung, des Berauschens am eigenen Genius. Eigentlich will ich dem Buch seine Qualitäten noch nicht einmal absprechen und ich bin auch sicher, dass es eine begeisterte Leserschaft gibt. Nichtsdestotrotz denke ich, dass es mehr der brillianten Vermarktung des Buches und des damit einhergehenden Bekanntheitsgrades des Autors zuzuschreiben ist, dass es zum Bestseller avancierte. Für mich war die Lektüre definitiv mehr Arbeit als Vergnügen. Und ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass dieses Buch wirklich die Massen in dem Maße begeistert, wie es die Verkaufszahlen suggerieren. Verlag: Kiepenheuer & Witsch ISBN-10: 3462037048 ISBN-13: 978-3462037043 Kommentare

Alles löschen, sofort: Daemon von Daniel Suarez
Nach den ersten zehn, zwanzig Seiten ist ein heftiger Impuls zu verspüren. Nichts wie hin zum Laptop und alles löschen: das Profil bei Xing, die Blogposts und am besten auch noch alle E-Mail-Konten. Abgesehen davon, dass das meiste trotzdem überdauert, ist das ein billiger Fluchtimpuls. Besser wäre es, sich mit Computern wirklich auszukennen. So wie Daniel Suarez, der obigen Impuls mit seinem IT-Thriller ?Daemon? provoziert. ?Es war meine Absicht, die Augen der Öffentlichkeit für die Fragilität unserer hyper-verlinkten Welt zu öffnen,? bekundet Daniel Suarez seine schriftstellerische Intention im E-Mail-Kontakt. ?Ein Thriller schien mir das beste Medium?. Während in Deutschland die ersten Exemplare kursieren, ist das coole Teil in den USA bereits Kult, im Film-Kasten und mit einer Fortsetzung am Start. Daniel Suarez, dessen ?Daemon? seit 19. März in Deutschland vertrieben wird, arbeitet als Systemberater und hat in der englischsprachigen Netzgemeinde den Status eines Cyberpunkers. Bereits 2006 veröffentlichte er seinen Page-Turner im amerikanischen Eigenverlag, 2009 erschien bei Dutton die offizielle Version von ?Daemon? ? die nun auch in Deutschland die Netzgeister auf den Plan ruft. Und zwar, indem sie selbst einen Geist heraufbeschwört: den fiktiven Softwaremogul Matthew A. Sobol, der sich die Welt via Informationstechnologie einverleibt. Schon diese technisch fundierte Geschichte allein würde reichen, ein globales Magengrummeln zu erzeugen. Der Clou an Suarez? Fiktion aber ist, dass Sobol nicht mehr lebt. Dessen Unterwerfungsprogramm ? eine sogenannte ?Daemon?-Funktion ? startet erst, nachdem Sobol einem Hirntumor erliegt. Es agiert unwiderruflich und tritt stets nach klar definierten Ereignissen in (schreckliche) Aktion. Sei es in Form von EDV-animierten Morden via Haustechnik, Unterwelt-Handel mit gestohlenen Identitäten oder Infiltration gigantischer Kommunikationssysteme. ?Daemon? dokumentiert mehr als ein Jahr und zahlreiche Charaktere. Der eigentliche Protagonist des Romans jedoch ist Matthew A. Sobol. Der wiederum steht für einen ungleich komplexeren Charakter: das Internet. Mit drastischen erzählerischen Mitteln wird allen Nicht-IT-lern auf 656 Seiten klar gemacht, wie wenig sie über die Maschinen, die sie täglich bedienen, wissen. Als besonders gefährlich erachtet Daniel Suarez dabei die Homogenität der großen Netzwerke. ?Die Unternehmen wachsen und fusionieren?, äußert der Software-Profi besorgt. ?Gleichzeitig vereinheitlichen sie ihre Systeme, damit diese leichter zu handhaben sind. Indem sie jene zusammenführen und Überkapazitäten eliminieren, werden sie uniform und anfällig ? ähnlich wie Monokulturen in der Natur.? Als herausragende Eigenschaft des Sobol?schen Daemon-Programms hebt Daniel Suarez immer wieder dessen Fähigkeit hervor, Informationen zu lesen und darauf zu reagieren. Für die Menschheit wäre es an der Zeit, diese ?Daemon?-Eigenschaft ebenfalls zu kultivieren. Längst schon müsste es eine schulische Disziplin geben, die sich im großen Stil mit allen Aspekten der Informationstechnologie befasst. Schließlich sei es in einer Demokratie überlebensnotwendig, die Funktionsweise von Netzwerken und die Wege der Daten zu kennen, mahnt Suarez an. Sonst, so das Fazit seines eindringlichen Druckwerks, wird es weitergehen wie bisher: Ein paar Freaks, ein paar Unternehmer und ein paar Politiker formen die neue Welt. Denn eines wird in ?Daemon? mehr als deutlich: Das Internet ist die Welt. Karin Henjes Daniel Suarez, Daemon, Rowohlt Verlag, 15 Euro, 978-3-499-25245-7 Kommentare

Allwissend: Ein Blogger-Krimi von Jeffery Deaver
Ein Teenie wird auf dem Disco-Parkplatz entführt, in den Kofferraum ihres Wagens verfrachtet, zum Strand chauffiert und dort gefesselt den Wogen der nahenden Flut überlassen. Mit diesem alptraumhaften Szenario beginnt Jeffery Deavers neuer Thriller, in dem ein Unbekannter auf den Landstraßen der kalifornischen Halbinsel Monterey krude hölzerne Gedenkkreuze hinterlässt, die allerdings stets ein Datums aus der Zukunft tragen und auch nicht an Verkehrs-, sondern an Mordopfer erinnern sollen. Agentin Kathryn Dance und ihr Team stoßen bei den Ermittlungen schnell auf einen Interneteintrag, in dem sich der Starblogger James Chilton mit einem tödlichen Verkehrsunfall beschäftigt. Besonders interessant dabei sind die Kommentare, in denen die User den jugendlichen Fahrer Travis Brigham virtuell zerfleischen und sich dabei auch nicht scheuen, haltlose Gerüchte wie Lauffeuer zu verbreiten. Als weitere Opfer aus dem Kreis der Blogkommentatoren generiert werden, scheint festzustehen: Brigham befindet sich auf seinem ganz persönlichen Rachefeldzug gegen die Cyber-Mobber und schreckt dabei auch vor härteren Maßnahmen nicht zurück. Wie wir jedoch alle aus eigener Erfahrung wissen, ist in der schönen neuen Internetwelt nur wenig so, wie es scheint und für die Bücher dieses Autors gilt das in besonderem Maße? ?Allwissend? (übrigens wieder mal ein selten dämlicher deutscher Titel!) ist Deavers zweiter Roman mit der Kinesik-Expertin Kathryn Dance, deren herausragende Fähigkeiten (Analyse der Körpersprache) hier allerdings weniger zum Tragen kommen: Gefragt sind vielmehr Expertenkenntnisse des Internet und speziell der Welt der Blogs. Der Autor greift die brisanten Themen Cyber-Mobbing und ?Stalking auf sowie die Tatsache, dass blauäugig gutgläubige User jede Menge private Informationen über sich selbst bereitwillig in den virtuellen Äther blasen, was ja aktuell auch gern in den diversen TV-Talkshows aufgeregt diskutiert wird. Der Roman ist (wie von Deaver gewohnt) flott geschrieben und höchst spannend aufgebaut, die faszinierenden Figuren sorgen trotz mehrerer Handlungsstränge für stete Kurzweil und veritables Lesevergnügen. Und ein Schmankerl hält der Autor durch die gekonnte Verknüpfung der beiden Medien Buch und Internet auch noch parat: Die im Roman genannten Blogeinträge (inklusive Kommentaren) existieren tatsächlich als Webseiten, so dass selbst schwerstabhängige Netz-Zombies nicht allzu lange auf ihre Lieblingsdroge verzichten müssen. Jeffery Deaver Allwissend Blanvalet 2010 ISBN-13: 978-3764503369 Kommentare

Günter de Bruyn: Authentisch und allgemeingültig
Ich bitte darum, verklagt zu werden: Das ist gemeinhin verkaufsfördernd Gern stelle ich mich Werbeaktionen für dieses Buch wie auch für den gleichnamige Film zur Verfügung, auf daß diese Kunstwerke wieder mehr unter die Leute kommen mögen! Hier werden mit brillanter Ironie Abgründe des Wissenschaftsbetriebes vorgeführt - und nicht nur das, sondern Unzulänglichkeiten des Allzumenschlichen, die auch andernorts vorkommen. Das ist allgemeingültig, für alle Zeiten und alle Gesellschaften. An diesen Werken wird man sich - wie an denen WILLIAM SHARESPEARES - noch lange ergötzen, wenn sie vielleicht auch zwischenzeitlich etwas in Vergessenheit geraten sind (War das nicht bei SHAKESPEARE auch so?)! Der heutige Leser merkt kaum, auf welchem Boden das gewachsen ist. Beim Film von ROLAND GRÄF wundern sich natürlich Spätgeborene gleich am Anfang: Was ist denn das für ein seltsames Auto, mit dem die da im Schlamm stecken bleiben? Der Schlamm scheint mir sinnbildhaft - aber das ist gottseidank Vergangenheit. Nachdem ich von gewissen Unbelehrbarkeit demonstrierenden Memoiren gehört hatte (glücklicherweise liest ja kaum jemand solch Kram) ging nächtens mein Klappmesser in der Tasche auf, das ich natürlich stets - auch im Nachtgewand - bei mir trage. Da ist nun aufgeschnappt, ich bin ein geschnappt und schnappe zu: Wir waren uns - als Buch und Film seinerzeit neu in der DDR erschienen waren - sofort einig, mit Professor Menzel konnte nur der manchmal menschelnde, aber kreuzgefährliche Prof. Einsgeweih gemeint sein und mit Dr. Albin, seinem liebedienerischen Stellvertreter, kein anderer als der hinterhältige Dr. Kossät. Brattke - das war doch der ironisch-sympathische Dr. CHRISTIAN ZAK und Frau Dr. Eggenfels die mütterlich-besorgte Dr. Lupus! Und war ich da nicht als Ernst Pötsch wiedergegeben, der naiv nicht merkte, was gespielt wurde und es allzulange auch gar nicht wissen wollte, oder war damit der arglos-treuherzige Dr. DIETER PÜSCHEL gemeint? Schade nur, eine ebenso liebenswürdige wie ahnungslose Assistentin Silbergewächs kommt nicht vor. Es muß hier auch - das hat mit den hervorragenden Kunstwerken freilich nichts zu tun, aber da bleibt noch eine schwere moralische Schuldigkeit - der Assistentin Azur gedacht werden, die tragischerweise das alles nicht ertragen konnte. Oder war der leutselig-gefährliche Menzel etwa dem ganz offen seine Macht verteidigende ("Wer hier eingeht, laß alle Hoffnung fahren", hatte der vor allen Mitarbeitern drohend gesagt.) Prof. Bull nachgebildet und die "promovierte Null" seinem schleimig-beschränktem Adlatus Dr. Todacker? Und woanders war man sich sicher, da war der zu allem fähige (wie er immer noch eitel memoirenschreibend von sich selbst kund tut und andere von ihm befürchteten) Prof. Höll mit seinen hochstaplerischen Satrapen Dr. Erpsenspeck und Dr. Dünnlich gemeint. Und der Minister, dessen betont unauffällige Präsenz stets nie irgendwer übersehen konnte, zumal jeder wußte, daß der letztlich entschied, wer publizieren durfte und was, wer in der Wissenschaftsgemeinde bekannt wurde, Karriere machen konnte und wer nicht. Das kannte man doch (In Wahrheit war das natürlich ein Parteigrande.)! Und GÜNTER DE BRUYN versäumte auch nicht die Gelegenheit, zu zeigen, daß es des Eingreifens der Oberzensurbehörde meist gar nicht bedurfte und auch die Schere im Kopf wird meisterhaft vorgeführt. Nur die Kaderleiterin, Gott wird sie richten, eine Frau wie man sich eine KZ-Aufseherin vorstellt, hatte GÜNTER DE BRUYN nicht abgebildet. Die Wirklichkeit ist eben manchmal so abgedreht, daß sie kein Künstler glaubhaft nachgestalten kann. Und niemand konnte wohl ahnen, welch "fauliger Brei" (PETER RUBEN: Neues von der philosophischen Front. In: Berliner Debatte Heft 1-2/2006 sowie unter www.peter-ruben.de. Wieso wundern wir uns eigentlich, daß sich gewisse Ex-DDR-Bonzen genauso verhalten wie unbelehrbare Nazis?) da noch Jahrzehnte später - nachdem wir dem stinkenden Sumpf glücklich, wenn vielleicht auch leicht beschädigt, entronnen waren - ausgeschüttet wurde. Daher kommen wohl die DDR-KZ-Schergen in der Kunst nicht vor. Aber auch am Zentralinstitut für Geschichte hatte man vermutlich keinerlei Zweifel, GÜNTER DE BRUYN habe es mit dem ZIHiHi naturgetreu nachgestaltet. Oder war das das Institut für Literaturwissenschaften? Und das Haus, das als Institutsgebäude im Film zu sehen ist, war das nicht...? Woher kannte der uns so genau? GÜNTER DE BRUYN und ROLAND GRÄF brauchten uns gar nicht zu kennen, um uns darzustellen: Die DDR war voll von solchen Typen - und nicht nur in Philosophie, Geschichts- und Literaturwissenschaften! Skrupellose Frontkämpfer, Einflüsterer, Leiblügner, Handlanger (manche zu allem willfährig, andere ließen sich zur Jagd tragen), Nach-dem-Munde-Schwätzer, Plagiatoren, Schreibknechte, Spiegelfechter, geistige Frührentner, Leib- und Geisteigene - und manchmal auch Naivlinge! Allein sympathisch sind da wohl nur irgendwie die Schubladen-Protestierer, was GÜNTER DE BRUYN sehr schön im Doppelpack vorführt. Aber: GÜNTER DE BRUYN hat seine Erzählung einige Jahre vor dem Intellektuellengezänk geschrieben, auf das ich mich hier wenig verklausuliert beziehe. Kunst als vorauseilender Treppenwitz!? Das wäre ja nicht ungewöhnlich. Auch der Satz, "Dann sollen sie doch Kuchen essen", war schließlich schon Literatur, bevor MARIE ANTOINETTE ihn gesagt haben soll. Man könnte auf die Idee kommen, daß Wirklichkeit mitunter nichts anderes als inszenierte Dichtung ist. Mit den intellektuellen Fähigkeiten der DDR-Sozialwissenschaftler scheint es auch nicht weither zu sein (ich schließe mich da durchaus ein). Vom Gegenteil könnte mich nur eine satirische Aufarbeitung dieses "Wissenschaftssystems" aufgrund eigener Erfahrung überzeugen. Oder ist mir da etwas entgangen? Aber wir haben ja die freundlich-bissigen Werke GÜNTER DE BRUYNS, über die seinerzeit die ganze intellektuelle DDR, die, die noch halbwegs bei Verstand waren, wie deren sehr reale Plagegeister rätselten. Alle wunderten sich: Wie war es möglich gewesen, daß dieses wie andere Bücher von GÜNTER DE BRUYN und der Film von ROLAND GRÄF die Zensur passiert hatten? Es war möglich! Zu allen Zeiten hat Borniertheit der Zensur beste Bloßstellungen der Verhältnisse nicht bemerkt, weil die Kunst sie auf das Niveau des Allzumenschlichen gehoben hat. Aber darauf konnte man sich nicht verlassen. Das ist ja gerade das Wesen von Diktatur, nicht Herrschaft Einzelner oder Weniger, nicht Überwachung und Grausamkeit - das auch, sondern, daß man sich niemals auf etwas verlassen kann. So ängstigt sie dich, so macht sie dir trügerisch Hoffnung, so kriecht sie in dich hinein, so korrumpiert sie dich. "Märkische Forschungen" war der Kultfilm der unhörbaren zornigen jungen Männer in der DDR! Das war wohlfeil. Auch seinen Zorn oder Protest in die Schublade hineinzuschreiben, war noch kein Widerstand, sondern nur eine Art innere Emigration, ein intellektueller Schrebergarten. WOLFGANG TEMPLIN wurde dann zu einer der rühmlich-hörbaren Ausnahmen. Das ist heute vielleicht nicht mehr wichtig - vielleicht doch, als Mahnung und Warnung und daß der eine oder andere fröhlich von seiner Vergangenheit scheide. Ich bin überzeugt, auch das Publikum, das gar nicht mehr weiß, was "DDR" bedeutet, wird an diesem Werk sein Vergnügen finden und manche (aktuelle) Wirklichkeit wiedererkennen. GÜNTER DE BRUYNS Erzählung ist voller bühnen- und filmreifer Kabinettsstückchen und die hat ROLAND GRÄF mit hervorragenden Schauspielern ins Bild gesetzt. Es wird Zeit, daß der Film wenigstens als DVD wieder unters Volk kommt. Und liebe Fernsehintendanten: Machen Sie doch mal unserem verehrten MARCEL REICH-RANICKI eine Freude und bringen Sie diesen Film! Der wird - da wette ich drauf - nur meckern, daß die eine Liebesgeschichte darin etwas zu verborgen ist und die andere nur am Rande vorkommt. Ach so, für die die nicht mehr wissen, was "DDR" ist - Sie haben da auch nicht wirklich etwas versäumt: Das ist die Abkürzung für Deutsche Demokratische Republik, eine Art offizieller, dreifacher Tarnname für das Gebiet im Osten Deutschlands, das bis 1990 nicht eigentlich zu Bundesrepublik gehörte, die aber zumindest teilweise durch Zahlungen das unselige Fortbestehen der DDR für eine Weile verlängert hat. Die Erfinder des Wortungetüms "Deutsche Demokratische Republik" haben mit gleichsam umgekehrter Freudscher Fehlleistung ihre Verschleierungsabsicht selbst offenbart: Indem sie glaubten, zu "Republik" noch das Adjektiv "Demokratisch" hinzuzufügen müssen - also übersetzt eine volksherrschaftliche Volksherrschaft - offenbarten sie, daß sie die Vorstellung einer undemokratischen Respublica im Kopf hatten, was sie dann ja auch praktisch umgesetzt und gleichzeitig mit großem, letztlich vergeblichem Propagandaaufwand stets geleugnet haben. Von der ganzen Welt völlig unerwartet (selbst nicht vom Innerdeutschen Ministerium, das so wohl wie selten eine andere Regierungsinstitution seine Überflüssigkeit bewiesen hat) ist die DDR an plötzlich offen ausgebrochener, aber - wie sich dann herausstellte - sehr lange latenter, dann rasant verlaufender politischer Schwindsucht zugrunde gegangen. Wer sich da als Arzt hätte betätigen wollen, wäre sicher bald selbst in Schwierigkeiten geraten. Schließlich hat sich die Leiche - seltener Fall - fröhlich selbst zu Grabe getragen. "Märkische Forschungen" gibt auch - aber nicht vordergründig - ein authentisches und nicht nachträglich hergestelltes Gegenbild zur grassierenden entsetzlichen DDR-Nostalgie, kein vergangenheitsseliges, auch kein larmoyantes sondern einfach ein allgemeinmenschliches. Günter de Bruyn Märkische Forschungen: Erzählungen für Freunde der Literaturgeschichte Fischer TB Frankfurt 2005 ISBN-10: 3596250595 ISBN-13: 978-3596250592 Roland Gräf (Regie) Märkische Forschungen nach der gleichnamigen Erzählung von Günter de Bruyn mit Herrmann Beyer, Kurt Böwe, Jutta Wachowiak, Dieter Franke, Trude Bechmann, Eberhard Esche u.v.a. DEFA Spielfilm 1982 auf Video ICESSTORM Kommentare

Eva Gesine Baur: Auf Amors Spuren in Venedig
Kein Seelenschmalz, sondern eben Spuren Wer vermutet, dieses Buch sei eines der zahlreichen nach der Masche, ?Sei glücklich - Amore!? oder ?Ich war da nach... gelatscht und hab... - Ja was eigentlich? - gefunden, folge den Spuren!?, liegt völlig falsch. Die Autorin versucht, berühmten Amouren in Venedig auf den Grund zu gehen, insofern das überhaupt möglich ist. Sie ist dabei sachlich, verständnisvoll - soweit man gewisse Dinge überhaupt mit Vernunft nachvollziehen kann oder dafür Verständnis aufzubringen in der Lage ist. Gleichklänge und Dissonanzen, Ein- und Mißverständnisse. Romanzen und Dramen. Mitunter klingt ein Hauch von Ironie an und Eva Gesine Baur überläßt es dem Leser, weiterzudenken, was man nicht weiß, nicht wissen kann und vielleicht auch gar nicht so genau wissen will. Niemals nimmt sie die indiskrete Schlüssellochperspektive ein, gerät nicht an die Grenze des Peinlichen. Sie ist in ihrem Urteil zurückhaltend und ge­recht, gerade weil die Herrn der Schöpfung meist nicht sehr gut wegkommen: ?Effi (Ruskin) genoss, John (Ruskin) jam­merte? (S. 11); Giacomo Casanova: ?Eingen tut er leid? (S. 19); ?Der Eros changiert und Thomas Mann ändert seine Plä­ne? (S: 57); Richard Wagner ?arbeitet sich dem Liebestod nur musikalisch entgegen? (S. 75); Antonio Vivaldi: ?Der Bannfluch läßt sich wegbeten? (S. 101); Gabriele d'Annunzio: ?Niemand in Italien kann ihn übersehen, diesen Wicht mit großer Geste? (S. 128); Ernest Hemingway: ?Jäger, auch Frauenjäger, verstehen es zu verhindern, dass ihre Witterung aufgenommen wird? (S. 147); ?Während George (Sand) nichts als Fleischbrühe, Wasser und Hafergrütze zu sich nimmt, verkostet er (Alfred de Musset) die Tänzerinnen des Teatro La Fenice, den Zenever, den Visner, den Verdiso oder Marze­mino der Spelunken im Sestiere San Polo und alles, was an Rauschgiften zu haben ist.? (S. 176); Pietro Pagello: ?ein Arzt, der sich mit einer solchen Frau (George Sand) einlässt, schadet in Venedig seinem Ansehen mehr, als einer, der sei­ne Kunstfehler auf dem Friedhof San Michele vergraben lässt? (S. 181); Alfred de Musset: ?Die Tinte, unverwässert und makellos, überführt ihn? (S. 184); Marlene Dietrich und Erich Maria Remarque: ?Beide sind verwöhnt und reich, unter­wegs dort, wo die Teppiche dick sind und niemand nach den Preisen fragt? (S. 202); Rainer Maria ?Rilke weiß, dass eine Frau nichts stärker verführt, als von einem Künstler dem Alltag enthoben zu werden.? (S. 219); Lord Byron ?liefert den gelangweilten Menschen, den Altreichen und den Neureichen, die mit Kohle, Eisen, Steingut oder einer eigenen Bank zu ihrem Vermögen gekommen sind, das, was sie vermissen: den Skandal? (S. 244f). Und generell: ?Sie warfen die Waffen von sich und suchten Trost bei ihrem Müttern, jenem bei Italiens Helden besonders beliebten Aufenthaltsort.? (S. 170) Da paßt dann natürlich auch die Bezugnahme S. 171 auf Moderata Fonte. Die Autorin hat schon in einer frühe­ren Publikation bemerkenswerte Frauen Venedigs vorgestellt: Eva Gesine Baur, Thomas Krüger: Venedig - Stadt der Frau­en (2008) Auch drei neuere italienische Bücher zu den großartigen Frauen Venedigs seien hier erwähnt: L. Bellina, M. T. Sega (Hg.): Tra la città Dio e la città dell'uomo. Donne cattoliche nella Resistenza Veneta (Portogruaro 2004), Tiziana Plebani u.a.: Storia di Venezia città delle donne. Guida ai tempi, luoghi e presenze femminili (Marsilio 2008) und Bruno Rosada: Donne veneziane. Amori e valori da Caterina Cornaro a Peggy Guggenheim (Venezia 2005). Die Personen und Handlungsorte stellt Eva Gesine Baur jeweils ergänzend zur Story mit kurzen Charakterisierungen und guten Abbildungen vor. Auswahlbibliographie (Amor S. 271-278) und Register sind vorhanden (S. 281-296). Ein Kapitel zu Niccolò Paganini - Antonia Bianchi - Archille Bianchi-Paganini, zu Klaus Kinski - Debora Caprioglio-Kisnki - Nikolai Kinski fehlt. Das ist nicht zu bedauern, sondern notwendigerweise so: Diese beiden großartig-wahnsinnigen Ge­schichten sind nicht in ein Kapitel zu pressen. Ich wünsche mir dazu von Eva Gesine Baur möglichst bald eine Monogra­phie (Lieber Nikolai Kinski, stemmen Sie sich bitte nicht dagegen!). Über die von genialischen Männern oftmals schamlos ausgenutzten Frauen schreibt Eva Gesine Baur feinsinnig, gefühl­voll, fast mit Mit-Leid, aber nicht mitleidig. Wo sie mit den Damen, die für die Männer und an ihnen oft willig litten, unter sich ist, will ich besser schweigen - und das Buch empfehlen. Nur noch ein großes Lob an den Verlag muß ich los­werden: Er beweist, daß man selbst Gemälde auf normalem Papier ausgezeichnet auch in schwarz/weiß wiedergeben kann. Eva Gesine Baur Amor in Venedig: Auf den Spuren der Liebenden C. H. Beck München 2009 ISBN-10: 3406582303 ISBN-13: 978-3406582301 Kommentare

Mary McCarthy: Venedig aus der amerikanischen Provinz gesehen
Aufgeblasenes Halbwissen Das Buch mißfällt mir vom ersten Satz an: ?Der kühle Verstand hat hinsichtlich Venedigs stets seine Zweifel gehabt.? (S. 7) Hat er das? Und was soll hier eigentlich gesagt werden? Was auch immer: Wer etwas gegen Verstand und Ver­nunft sagt, hat erst mal jegliche Sympathie verspielt. Sicher ist das ein Vorurteil, aber doch wohl ein versta(e)ndliches. McCarthy gehörte zu jenen Glücklichen, die sich einen Wohnsitz in Venedig leisten können. Gottlob belästigt darauf nicht jeder Untalentierte - aber doch allzu viele - den Büchermarkt. Was soll man von jemanden halten, dem die bei der Anmietung einer Wohnung eingestanden wichtigste und dem Leser mitzuteilende Causa ist, ?wie viele Personen die Wohnung im oberen Stock bewohnen würden? (S. 27), um dann gleich anschließend langweiligen Tratsch über seinen Vermieter auszubreiten (S. 28ff und passim)? Nur ihre vermutliche amerikanische Hinterwäldler-Prüderie bewahrt McCarthy offenbar vor der Auswalzung peinlicher Details. Die Autorin reproduziert überwiegend Angelesenes. Dagegen ist an sich nichts zu sagen und da ja zu Venedig schon ?al­les gesagt? (Johann Wolfgang von Goethe: Tagebuch der Italienischen Reise) ist, ist dies auch irgendwie unvermeidlich. Wenn es doch aber wenigstens interessant erzählt wäre! Originelle Sentenzen zu Venedig entgleiten McCarthy selten und eher zufällig. Ich bin geneigt, die Verallgemeinerung, ?man findet sich damit ab, daß, was man im Begriff ist zu sa­gen oder zu empfinden... jedem Touristen aus Iowa auf der Zunge liegt? (McCarthy S. 20), doch eher zurückzuweisen. McCarthys ?man? ist auf jeden Fall zunächst sie selbst und ?man? kann sie wohl durchaus mit jenem Iowaman gleich­setzen, der in den USA als sprichwörtlich einfältiger Hinterwäldler gilt, denn Seattle liegt nicht nur hinterm Walde, son­dern auch noch hinter den Bergen. So ist wohl auch etwa der Plural S. 24 zu deuten: ?Für uns ist die venezianische Ge­schichte ein Kuriosum...? Um vielleicht noch Zweifelnde von meinem Negativurteil zu überzeugen, ein paar Blütenlesen halbgebildetem Unsinns: ?Bronzepferde des Nero? (S. 10); ?er (Napoléon) die Piazza S.Marco mit dem Bau der Fabbrica Nuova abschloß? (S. 11, 107). Den Fehler, die Ala Napoleonica mit den Rialtomarkthallen zu verwechseln, hat McCarthy wohl von William Dean Howells (Leben in Venedig. Deutsch v. Gertraud Michel hg. v. Wolfgang Barthel. Berlin 1987 S. 40) abgeschrieben. Und der wiederum geht wahrscheinlich auf eine Verwechselung zurück: Die Ge­bäudeteile mit den Amtsräumen im Dogenpalast wurden im Unterschied zum relativ kleinen Bereich der Dogenwoh­nung als fabrica bezeichnet. ?Venedig ist eine Faltpostkarte seiner selbst? (McCarthy S. 14); ?hockt in den Stadtbibliotheken die... Gruppe von Nichtstuern? (S. 16); die Venezianer ?haben (außer Höflichkeit) nichts anderes zu tun? (S. 17); ?der heilige Hieronymus wird, dank seinem (die Übersetzerin hatte offenbar Schwierigkeiten mit der deutschen Grammatik) zahmen Löwen, zum Lieblingsheiligen Venedigs? (S. 22); die ?'degenerierten' Venezianer der Renaissance... (verkauften) ihr Erstgeburtsrecht für ein architektonisches Linsengericht? (S. 34); Enrico Dandolo sei ?gefügiges Werkzeug... aus Hab­sucht? für die Hohenstaufen gewesen (S. 37); ?die unverbesserlichen Venezianer? (S. 39); der Doge Francesco Foscari sei ?in kurzem Prozeß abgesetzt (worden), weil er die Partei seines Sohnes ergriff? (S. 50); der Bannerträger des Put­schisten Baiamonte Tiepolo sei ?von einem Ziegelstein (Vielleicht hat hier auch nur die Übersetzerin versagt.) erschla­gen? worden (S. 54, 61); ?Die Geschichte Venedigs... ist merkwürdig farblos? (S. 55); der Sieg von Lepanto wurde von den Europäern ?nie ausgewertet (sic!)..., weil Spanien der Anblick eines venezianischen Schiffes nicht gefiel? (S. 72); das Friaul sei ?halb albanisch? (S. 83); ?Harry's Bar in Torcello? (S. 95); das Eintreffen der Flotte Carlo Zenos während des Abwehrkampfes gegen die Genuesen im Chioggia-Krieg sei ?der einzige heroische Augenblick in der Geschichte Venedigs? (S. 104); ?die Vergangenheit hat hier in Chioggia einen üblen Geruch, wie stinkende Pisse? (S. 105); ?das sy­baritische Venedig der Renaissance? (S. 114); ?untergeordnete Rolle, die die Venezianer in allen Künsten, außer dem Mosaik, gespielt haben? (S. 119); ?Venedig... brachte nur einen einzigen Architekten hervor ? Palladio? (S. 120) - Pa­dua und Vicenza haben sich zwar gestritten, ?Palladio ist unser?, Venedig aber hat niemals darauf Anspruch erhoben und er hat nie dauerhaft in Venedig gewohnt; ?...wurde Giorgione in das Zeitalter des Amateurs hineingeboren? (S. 138); ?bedeutungslose Krone Zyperns? (S. 139); ?Muße des Renaissanceadels ? die einfach Massenarbeitslosigkeit war? (S. 140); ?die Orgel wurde in Venedig entwickelt? (S. 162). Und wozu soll eigentlich die Aufzählung, wie alt Maler in Venedig geworden sind (S. 22-23), gut sein (Die hat dann wohl James Morris abgeschrieben)? Oh Schreck - da fällt mir ein, daß ich in mein Venedig-Manuskript gerade eine Auf­zählung der Turmzusammenbrüche eingefügt habe. Da werde ich mich also rechtfertigen müssen, was das soll! Irgendwann hat die Autorin wohl gemerkt, daß sie nicht genug Stoff hat, um ein Venedig-Buch zu füllen. Und so hat sie den Text zunehmend mit unsystematischen Beschreibungen und teilweise fragwürdigen Interpretationen von Gemälden aufgefüllt (S. 70-71, 85-91, 93, 100-101, 109-112, 116-119, 122-133, 137-160, 166-168). Da kann ich dem Verlag, ab­gesehen vom Vorwurf, dieses Buch überhaupt gedruckt zu haben, die Frage nicht ersparen: Was soll der Leser mit Bild­beschreibungen/-interpretationen anfangen, ohne daß diese abgebildet sind? Warum hat sich McCarthy nicht an ihren Landsmann William Dean Howells (S. 143) gehalten: ?Ich bin sicher, keiner, dem der Beruf des Künstlers fremd ist, war jemals in der Lage, sich irgendein Bild richtig vorzustellen, wenn er nur die Beschreibung gelesen hat, und sei sie noch so sorgfältig und genau.? Zu Bildinterpretationen sind Experten zu empfehlen und ich zähle hier nur die neuesten Bildbände auf (na­türlich gab es auch schon genügend davon zu Zeiten von McCarthy): Oskar Bätschmann: Giovanni Bellini. Meister der venezianischen Malerei (München 2008); Gottfried Boehm, Alan Cong, Anne Distel, Dario Gamboni u.a.: Mythos Vene­dig. Von Canaletto und Turner bis Monet (2008); Matthias Bleyl: Deckenmalerei des 18. Jahrhunderts in Venedig: die hohe Kunst der Dekoration im Zeitalter Tiepolos (München 2005); Markus Ewel: Das Darstellungsproblem ?Figur und Landschaft? in der venezianischen Malerei des 16. Jahrhunderts (Hildesheim/Zürich/New York 1993); Cornelia Friedrichs: Francesco Guardi - venezianische Feste und Zeremonien: die Inszenierung der Republik in Festen und Bil­dern (Berlin 2006); Andrea Gottdang: Venedigs antike Helden. Die Darstellung der antiken Geschichte in der veneziani­schen Malerei von 1680 ? 1760 (Dissertation Kiel 1999, Wien/München 1999, 2002); Hans D. Huber: Paolo Veronese. Kunst als soziales System (2005); Gabriele Köster: Künstler und ihre Brüder. Maler, Bildhauer und Architekten in den venezianischen Scuole Grandi (Berlin 2008); Axel Limpert: Bildvergleiche von Ereignisdarstellungen in der Re­naissance. Das letzte Abendmahl von Leonardo da Vinci, Jacopo Tintoretto und Tiziano Vecellio (Norderstedt 2007); Ruggero Rugolo: Venedig auf den Spuren von Bellini, Carpaccio, Tintoretto, Veronese (Florenz 2003); Norbert Schneider: Venezianische Malerei der Frührenaissance. Von Jacobello di Fiore bis Carpaccio (2002); Giovanna Scire? Nepi: Malerei in Venedig. Photographien v. Piero Codato und Massimo Venchierutti. Übersetzung aus dem Ital. v. Ulrike Bauer-Eberhardt und Barbara Geratz Matera (München 2003); Martin Seidel: Venezianische Malerei zur Zeit der Gegen­reformation: kirchliche Programmschriften und künstlerische Bildkonzepte bei Tizian, Tintoretto, Veronese und Palma il Giovane (Münster 1996); Wolfgang Wolters: Der Bilderschmuck des Dogenpalastes. Untersuchungen zur Selbstdar­stellung der Republik Venedig im 16.Jahrhundert (Wiesbaden 1983); Astrid Zenkert: Tintoretto in der Scuola die San Rocco: Ensemble und Wirkung (Tübingen/Berlin 2003). Ob McCarthy mit ihrem Venedig-Buch eine Schaffenskrise übertünchen wollte, ist mir nicht bekannt, das schwache Er­gebnis scheint aber darauf hinzudeuten. Damit wäre sie ja auch nicht die erste. Gegenüber ihrem - ebenfalls amerikani­schen - Vorgänger, der selbst im Versagen noch ein kraftstrotzender Riese war, erscheint sie allerdings als mickeriger Zwerg. Ein ordentlicher Verlag hätte einem Autor das Manuskript um die Ohren gehauen. Mit einer Dame tut man na­türlich so etwas nicht. Mary McCarthy Venedig Droemer Knaur Müünchen 1999 ISBN-10: 3426271249 ISBN-13: 978-3426271247 Kommentare

Toni Sepeda: Des Nachfragens würdige Brunetti-Autorisierung
Autorisierte Brunetti-Spurendarbietung Diese Brunetti-Präsentation (In Englisch gibt es davon zwei: Toni Sepeda: Brunetti's Venice: Walks Through the Novels (2008) und für 2009 ist von der selben Autorin angekündigt Brunetti's Venice: Walks with the City's Best-Loved Detecti­ve) ist gewissermaßen durch ein Vorwort von Donna Leon veredelt. Man beeilt sich auch, auf dem Rücktitel zu versi­chern, daß die Autorin die einzige sei, die von Donna Leon autorisierte Führungen auf den Spuren des Commissario lei­te. Was soll damit gesagt werden? Sind etwa Katharina Holtmann (Auf den Spuren von Donna Leons Romanen. 2. Auflage Essen 2006) und Hoffmann/Heinrich (www.brunettistadtplan.de) nicht auch hinreichend legitimiert, Brunetti-Führungen in Venedig anzubieten? Muß ich und alle, die in Venedig, im Internet oder sonst irgendwo Bemerkungen zu ?Brunetti in Venedig? machen wollen, Donna Leon vorher um Erlaubnis fragen? Wie jede Dienstleistung beglaubigen sich Stadtführungen und Bücher - auch das sind Dienstleistungen als Medium indirek­ten Erzählens - allein durch ihre Qualität selbst! Ich weiß auch nicht, wie solch eine ?Autorisierung? möglich ist, wenn ich dies aber zu Ende denke, dürften sich wohl in der Konsequenz auch nur jeweils diejenigen zu Büchern äußern, die vom betreffenden Autor ausdrücklich dazu ermächtigt worden sind. Das Bedürfnis, Befugnisse zu erteilen, wie auch die Tatsache, daß sich Donna Leon standhaft weigert, ihre Venedig-Bücher ins Italienische übersetzen zu lassen, scheint mir darauf hinzudeuten, daß sie mit Kritik an ihren Werken nicht umgehen kann. Ich will es damit aber lieber beim Ausdeu­ten belassen, und mich an den Text halten. So sei der Text an im Vorwort formulierten Anspruch geprüft: ?In meiner Vorstellung ist Brunetti jemand, dessen Bild von seiner Stadt sich aus lauter solchen Anekdoten und Episoden zusammensetzt... Das vorliegende Buch begleitet Bru­netti durch die einzelnen sestieri und blickt mit seinen Augen und Sinnen auf Orte, die ihm ein Leben lang vertraut sind.? (Sepeda S. 9f) Das kann ich voll und ganz bestätigen. Zwölf Rundgänge und eine Inselrundfahrt führen zu Hand­lungsorten der Brunetti-Bücher. Szenen und Örtlichkeiten werden vorgestellt, Textpassagen zitiert. Ordentliche Karten und Signaltexte auf der Randleiste machen alles gut übersichtlich nachvollziehbar. Allerdings hätte man auf der Rand­leiste auch noch die genaue Adresse, bitteschön auch mit Hausnummer, der jeweiligen Lokalitäten angeben sollen. Üb­rigens: Es ist ein unter anderen auch von Donna Leon verbreitetes und durchaus unzutreffendes Klischee, daß die Num­merierung der Häuser in Venedig total verwirrend sei (Die Hausnummern sind in den Straßen stets fortlaufend.). Dieses und andere Donna-Leon-Klischees werden von Sepeda nicht hinterfragt, sondern imitiert. Bei allem Lob - ich hatte ziemliche Mühen, mich durch die 361 Seiten durchzukämpfen. Wahrscheinlich muß man alle - bislang 16 - Brunetti-Bücher gelesen und parat haben, um an der Vorstellung Sepedas seine reine Freude zu haben. Da­mit kann ich leider nicht dienen. Mir wäre es auch schwer gefallen, die Texte von Sepeda von den Original-Brunetti-Texten zu unterscheiden, wenn die Donna-Leon-Zitate nicht in blauer Farbe gedruckt gewesen wären. Sepeda reprodu­ziert quasi Donna Leon. Man könnte fast zu der Auffassung kommen, die Lektüre Sepedas ersetze die der Bücher, auf die sie sich bezieht. Das ist vielleicht Ansichtssache, ob man dies für gut oder schlecht hält. Man findet bei Sepeda wenig über Donna Leon hinausgehende Gedankengänge und keinerlei kritische Erwägungen, selbst nicht zu den abfälligen Gedanken über Touristen, die Brunetti untergeschoben werden, oder etwa zu den immer wiederkehrenden Mäkeleien am Wetter, das sich buchstäblich jeweils nach Brunettis Stimmungen richtet. Ist es z.B. wirklich so, daß ?die Laguna veneta dem Venezianer so unnahbar fern vorkommt? (S. 329)? Ist die Lagune wirklich ?für einen Venezianer wie Brunetti weitgehend unbekanntes Terrain? (S. 336) oder vielleicht nur für Brunetti-Leon? Im letzten Kapitel wird besonders deutlich, wie sehr Sepeda die Klischees und Irrtümer von Donna Leon teilt. Ich vermute vornehmlich das ist es, was ihr deren ganze Sympathie sichert. Entschuldigung, jetzt bin ich doch wieder in Mutmaßungen verfallen. Toni Sepeda Mit Brunetti durch Venedig: Vorwort von Donna Leon Diogenes Zürich 2008 ISBN-10: 3257066708 ISBN-13: 978-3257066708 Kommentare


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