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Daniela Krien - Irgendwann werden wir uns alles erzählen
Sommer 1990 in der DDR.Der letzte Sommer in einem Land, welches bald keines mehr sein wird. Maria wird bald siebzehn. Sie wohnt mit ihrem Freund Johannes auf dem Hof seiner Eltern nahe der deutsch-deutschen Grenze, die bald keine mehr sein wird. Maria ist ein zartes verträumtes Mädchen. Zwar beteiligt sie sich tatkräftig an der Hofarbeit, verweigert jedoch die Schule. Ihr Liebstes sind zu dieser Zeit die Gebrüder Karamasov, deren Fragen nach Schuld und Sühne, Leid und Mitleid, Liebe und Versöhnung. Der Brendel-Hof, auf dem Maria lebt, ist neben dem Henner-Hof der größte des Ortes. Beim Henner ist alles noch wie vor dem Krieg, der eigenbrödlerische Mann lebt dort alleine. Sein einsames Leben und seine harsche Art erregen Argwohn im Dorf. Dass sein eigenwilliges Charisma auf Frauen attraktiv wirkt, macht es nicht gerade einfacher. Die junge Maria begegnet Henner eines Tages zufällig, eine einzige Berührung reicht aus, damit eine ebenso unausweichliche wie unmögliche Liebe beginnt. Maria "fällt in einen tiefen Rausch, nichts verwehrt sie diesem Mann." Ihre Liebe grenzt bisweilen an Hörigkeit, schon nach kurzer Zeit sagt sie den einen Satz zu ihm, den sie - das weiß sie jetzt schon - in ihrem Leben nur einmal sagen wird "mach mit mir, was Du willst". Und das tut er dann auch. "Sein Wollen hatte etwas Tierisches, Unberechenbares, etwas , das mich an Dinge erinnerte, die lang vor meiner Zeit geschehen sind, die ich nicht wissen kann und dennoch zu kennen glaube, als wäre mein Gedächtnis nur Teil eines größeren." Doch Henner will eher ihr Herz als ihren Stolz und so wird Maria an dieser Beziehung wachsen und nicht zerbrechen. Den ganzen Sommer leben sie ihre Liebe heimlich, atmen "den scharfen Geruch der Lüge". Auch wenn Maria Johannes und dessen Familie sowohl mit Respekt als auch mit Zuneigung begegnet, sind sie nicht in der Lage, voneinander zu lassen und treiben die Lüge weiter, als sie je geglaubt haben, eine Lüge treiben zu können. Das Ende sehen sie dennoch kommen. Das Ende des Sommers, das Ende der DDR, das Ende des Lebens, das sie kannten, das Ende ihrer Liebe. In ihrem Roman-Debüt läßt Daniela Krien ihre Ich-Erzählerin Maria mit der verträumten Sprache einer 17-jährigen von obsessiven Leidenschaften und historischen Zeitenwenden erzählen. Die Welt, von der sie berichtet, ist heute eine vergangene. Durch die besondere Sprache des Romans ermöglicht sie es dem Leser, mitzuleiden und mitzuerleben. Alle Charaktere, von der jungen Maria bis zur alten Bäuerin erscheinen ihm echt und unverfälscht. Man kann Marias Tun gutheißen, muss es aber nicht. Durch ihre ehrlichen Berichte über zerstörte Kindheitsträume und Zwänge in der Pionierrepublik versteht man sie als Leser jederzeit. Der Autorin gelingt das schwierige Kunststück, eine obsessive Sinnlichkeit so zu vermitteln, dass man sie als Leser fast körperlich spüren kann. Von Anfang an versteht man die magische Anziehungskraft des unpassenden Mannes und Marias leidenschaftliche Unterwerfung. Die Familie, bei der Maria lebt, lernen wir als Menschen mit Ecken und Kanten kennen und wertschätzen. Die Geschichte dieser Familie umspannt die schwierige Liebesgeschichte wie ein schützender Rahmen und bringt dem Leser lebendig die Zeit und die Gedankenwelt der DDR-Bürger in diesem Sommer des Umbruchs näher. Fast schon nostalgisch liest man über die Pläne und Hoffnungen der Menschen, auch wenn die Bauern damals schon ahnen, was wir heute wissen: "Wir können nicht holterdipolter in Monaten das schaffen, was die drüben in Jahrzehnten entwickelt haben." Siegfried, das tatkräftige Familienoberhaupt will sich an den im Westen der Neunziger so erfolgreichen Demeterhöfe orientieren, allerdings "ohne den anthroposopischen Überbau", das ist ihnen zu verschroben. Dieser Roman lebt nicht von Spannung oder großer Romantik, das wirklich Besondere an ihm ist neben der Achtsamkeit, mit der die Autorin Sprache als ein kostbares Gut behandelt, seine Authenzität und Ehrlichkeit. Denn: Auch so kann man ein Buch zur Zeitenwende in Deutschland Ost und West schreiben, auch so kann man das Anliegen, Erinnerungen an einen zerbrochenen Staat, seine Menschen und sein Lebensgefühl zu bewahren, vermitteln. Am Ende des Sommers ist alles anders. Dem Höhenflug der Leidenschaft folgt tiefster Kummer, auch dieser elementar und vorweggenommen. Maria geht mit Johannes weg vom Brendelhof, die Zukunft ist offen. Aber auch verheißungsvoll? Trost geben ihr die Brüder Karamasov, die Worte Alexejs und wie er sagte "irgendwann würden wir alle auferstehen und uns wiedersehen und alles erzählen. Wirklich alles." Am Ende des Buches ist auch für den Leser einiges anders. Er betrachtet die Welt, von der er gelesen hat, neu und er hofft, dass Daniela Krien ihm, dem Leser noch einiges zu erzählen hat. Wenn auch wohl niemals alles. Die Leipzigerin Daniela Krien, studierte Kulturwissenschaftlerin, arbeitete als Drehbuchautorin und Cutterin. "Irgendwann werden wir uns alles erzählen" ist ihr erster Roman. Daniela Krien Irgendwann werden wir uns alles erzählenGraf Verlag München 2011ISBN 978-3-86220-019-1 Kommentare

Frisst die Piraterie den eBook-Markt?
Die Frankfurter Buchmesse hat das Thema eBook-Piraterie ins allgemeine Bewusstsein gehoben. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels nannte auf der Veranstaltung die Zahl von 60 % raubkopierter eBooks. "Das macht uns sehr unruhig", so Sprecher und Vorsteher Gottfried Honnefelder. Recht hat er - einerseits. Andererseits sollte ihn diese Zahl nicht überraschen. Wenn die Verlage jetzt unruhig werden, dann haben sie die letzten 30 Jahre verschlafen. Digitale Raubkopien sind seit Ende der 80er Jahre ein Problem - zuerst bei Software, dann Bildern, Audio (mit Erfindung von mp3), Video und nun eBooks (eine historische Randbemerkung: die Entwicklung wurde bisher immer von der Bandbreite des Internets gesteuert: zuerst die vergleichsweise datenarme Software, dann Bilder, mp3s, inzwischen ganze DVDs. Doch eBooks sind winzig im Vergleich zu diesen Medien. Die Branche lebte bisher in ihrem Papier-Nirvana, dass jetzt mit der Einführung von brauchbaren Lesegeräten fällt - ein Prozess, der sicher Jahrzehnte dauern wird). Apologeten der Piraterie führen die gleichen Gründe und Rechtfertigungen auf wie bei allen anderen Formen der Piraterie zuvor: DRM sei schuld, das fehlende Angebot, die Preisgestaltung der Verlage. Oft wird diese Diagnose mit einem moralischen Urteil verknüpft: selber Schuld. Seid moderner, dann passiert euch das nicht. Die Wahrheit ist aber: es ist nicht die Branche, die in der Schuld steht. Es ist ihr Recht, Preise und Konditionen ihrer Angebote so zu gestalten, wie sie es für richtig hält. Wenn das unattraktiv ist, und keiner kauft, dann bietet dies Vorteile für kleine, unabhängige Anbieter und Autoren. Sie können mit neuartigen, unabhängigen Angeboten (das Amazon Kindle-Programm, das hier schon öfter Thema war, sind ein gutes Beispiel. Doch auch hier beginnt Piraterie ein Thema zu sein.) die Weiterentwicklung von Technik, Geschäftsmodell und Medium vorantreiben. Das klappt aber nicht, wenn sie kein Geld damit verdienen. Man kann entweder professionell schreiben oder aus Liebe zum Schreiben - doch die Ergebnisse werden qualitativ deutlich unterschiedlich sein. Professionelles Schreiben erfordert Zeit und Geld (für Lektorat und Recherche etwa), und nur Millionäre können sich leisten, es auf Dauer pro bono zu betreiben. Alle anderen müssen Geld verdienen. Die Piraterie macht dies unmöglich. Dies ist das große Dilamme der Raubkopien: unabhängige, kleine Autoren müssen nicht nur wirtschaftlich mit ihren eigenen, raubkopierten Werke konkurrieren, sondern mit den kostenlosen Raubkopien der professionellen Anbieter, die Qualitativ auf einem anderen Level sind. Die Piraterie schadet den Kleinen viel mehr als den Großen. Die Folgen zeigen sich etwa in der Musikbranche: die Plattenfirmen haben Anfang der 2000er alle kleinen Acts gefeuert, und leben seitdem von zwei Dingen: billig produzierten Wegwerfhits und Retro-acts, deren mittelaltes Publikum das Geld hat, 100,- ? für eine Konzertkarte zu zahlen (und 15,- ? für den iTunes-Download des neuen Alben). Kleine, unabhängige Künstler streichen meist die Segel, wenn sie alt genug sind einen "echten" Job zu haben. Ähnliches droht nun auch in der Literatur, fürchte ich. Es wird Zeit, die Rechtfertigungsversuche der Piraten als das zu entlarven, was sie sind: ein Weitergeben des Schwarzen Peters and "die Industrie", um moralisch eine freie Hand zu haben, kostenlos zu konsumieren. Kommentare

Abgründe - Arnaldur Indridason
Eine Woche lang schaute Frankfurt auf Island. Nicht der Finanzblase wegen, auch Aschewolken waren außen vor - nein, es war Buchmesse und Island zu Gast. Man bezauberte mit der gemütlichsten Wohnzimmer-Installation der ganzen Messe und drohte mit der erklärten Absicht, Europas Buchmarkt werde sich nie wieder von dieser Bücherblase erholen. Die Heute-Show fragte gar, ob es nun nicht opportun sei, den Isländern mit einer Schreibblockade zu drohen. Wir fragen investigativ, ob es nicht einfach reicht, eines davon zu lesen. Im Selbstversuch verzichtete ich auf Elfen, Trolle und Stockfische und griff mir eines, welches Spannung und abgründige Blicke in Islands Finanzwelt versprach . In seinem neuesten Island-Krimi schickt Arnaldur Indridason seinen bewährten Kommissar Erlendur erst einmal in Urlaub. So muss sich sein Kollege Sigurdur Oli um die Aufklärung zweier Todesfälle kümmern. In einen davon ist er persönlich verwickelt, da er der Bitte seines besten Freundes entsprechend eine junge Frau davon abhalten will, dessen Familie zu erpressen. Als Oli diese Frau, Lina, zur Rede stellen will, findet er sie zu Tode geprügelt von einem Schuldeneintreiber vor. Obwohl persönlich involviert, ermittelt er weiter und findet heraus, dass vor über einem Jahr ein Banker bei einem Ausflug, den ausgerechnet Linaorganisierte, einen tödlichen Sturz in einen Abgrund erlitt. Die Ermittlungen führen ihn in höchste Bankenkreise, die in abenteuerlichen, moralisch fragwürdigen Geschäften immer höhere Gewinne scheffeln. "Abgründe" ist ein Krimi, bei dem es auch, bei weitem aber nicht nur, um einen kriminellen Plot geht. Von Ingridason zwar bildhaft und flüssig erzählt, liegt hier die Schwäche des Romans. Weite Teile drehen sich um das Privatleben Olis, das eigentlich nichts als abgründig langweilig ist. Das Sympathiepotential des Kommissars dürfte sich bei jenen erschöpfen, für die amerikanische Sportarten das Größte und die noch dazu vom Leben und den Frauen enttäuscht sind. Der Rest der Leser wartet auf den Fortgang der Handlung. Besser gesagt, der zwei Handlungen. Der Klappentext bemerkt zu Recht, dass die beiden Fälle auf den ersten Blick nicht viel miteinander zu tun haben. Verschwiegen wird dabei, dass sie auch auf den zweiten Blick nicht wirklich miteinander verwoben sind. Außer, dass die Protagonisten sich kannten, finden sich nicht wirklich viele Gemeinsamkeiten. Der Plot um Lina ist relativ schnell gelöst, die Frage nach dem Motiv nimmt noch etwas länger Raum ein. Doch auch hier können die Banker nicht dienen. Die Geschichte um die Banker dient einzig und alleine dazu, die Erwartungen des Lesers zu bedienen, dem Hintergründe zur abgründigen Finanzwelt versprochen werden. Das verkauft sich sicher prima, die zu diesem Thema angebrachte Kritik ist lobenswerterweise auch zu keiner Zeit übers Ziel hinausschießend. Ärgerlich nur, wenn man fast die Hälfte des Buches zuwarten muss, bis der Autor sich endlich dem Thema zuwendet, welches der Klappentext als das vorherrschende anpreist. Noch ärgerlicher, wenn sich die Geschehnisse im Bankermilieu als relativ müde gähnende Abgründe erweisen ? vor allem, weil sie anno 2005 geschahen und jeder halbwegs informierte Leser weiß, dass a) die Abgründe des Jahres 2008 wesentlich tiefer waren und b) sich gerade die isländische Wirtschaft anno 2011 wieder berappelt hat. (wahrscheinlich der vielen verkauften Bücher wegen). Eine weitere Irritation im Buch ist eine Side-Story über einen als Kind misshandelten Penner, der nunmehr auf Rachefeldzug ist und dem Kommissar das Leben kriminaltechnisch erschwert. Auch dessen Geschichte beschreibt Indridason eindringlich und bemerkenswert - aber sie hat nichts, absolut nichts mit dem Fall zu tun.(Wenn man mal davon absieht, dass das Leid des Penners die moralische Verwerflichkeit der anderen Verbrechen durchaus eindrucksvoll unterstreicht.) Dass man dies erst ganz zum Schluß erfährt, während man 420 Seiten lang auf die Auflösung der Zusammenhänge wartet, macht den Spannungsbogen nicht besser. Arnaldur Indridason war Journalist und Filmkritiker bei Islands größter Tageszeitung und lebt heute als freier (preisgekrönter) Autor in Rejkjavik. Abgründe Arnaldur Indridason Bastei Lübbe, September 2011 ISBN 978-3-7857-2419-4 Kommentare

Andreas Föhr - Karwoche
Bei einem illegalen Wettrennen durch die bayerischen Berge kommt es zu einem Beinahe-Unfall, in den auch Kommissar Wallner verwickelt wird, der eigentlich samt Freundin auf dem Weg in die Osterferien unterwegs ist. Im Wagen eines der beiden verhinderten Formel 1-Piloten findet sich zur allgemeinen Überraschung die Leiche einer jungen Frau, Hannah Lohwerk, deren Gesicht vor Jahren durch einen Autounfall entstellt wurde. Obwohl Wallner wegen seines Urlaubs keine offizielle Funktion bekleidet, mischt er bei den Ermittlungen kräftig mit, denn er lässt sich nur ungern das Heft aus der Hand nehmen. Bald führen die Spuren zu der schillernden Schauspielerfamilie Millruth, die erst vor wenigen Monaten einen Todesfall zu beklagen hatte und der es auch sonst nicht an dunklen Geheimnissen mangelt... ?Karwoche? ist Andreas Föhrs dritter Roman mit den Miesbacher Polizisten um Kommissar Wallner und er bietet wiederum spannende Unterhaltung. Nicht nur ein bayerischer Regio-Krimi mit kantig schrulligen Charakteren, die sich durch robusten Humor auszeichnen, sondern einfach ein gut geschriebenes Buch, das die notwendigen Zutaten des Genres schmackhaft zusammenrührt. Natürlich merkt man dem Autor seine Vergangenheit als Drehbuchschreiber für TV-Krimis an; er versteht sein Handwerk und zieht den Plot trotz (unabdingbarer) Rückblenden stringent durch, steigert langsam aber sicher das Tempo, um zum Schluss die überraschende Auflösung zu präsentieren. Dabei sind die Protagonisten weder langweilig noch oberflächlich gezeichnet und das Leben der Hauptfiguren entwickelt sich romanübergreifend weiter. Fazit: Vielleicht ist Wallner noch kein Kultkommissar wie auf der Rückseite des Buches vermerkt, aber er ist sicher auf dem besten Weg dahin. Bitte mehr davon! P.S.: Auf bayerischen Dialekt wird weitgehend verzichtet, so dass auch Leser jenseits des Weißwurst-Äquators voll auf ihre Kosten kommen. Andreas Föhr Karwoche Knaur, November 2011 ISBN-13: 978-3426652527 Kommentare

Einzlkind, Harold
Heyne Taschenbuch Verlag, ISBN 9783453435971, 8,99? Besorgt Euch bloß das beste Buch der Welt. Harold. Von Einzlkind. Einsam hängt eine Schlinge vor dunklem englischem Pepita auf dem Umschlag. Eine einsame Stuhllehne lässt böses ahnen. Und es bestätigt sich: Harold, 49 Jahre alt, lebt in London, hat seine Anstellung als Wurstfachverkäufer verloren. Hier tappt der geneigte Leser in die Falle, die Einzlkind ausgelegt hat, denn Harold ist eine Null, ein Nichts, ein Antiheld, einer der bestimmt keine Geschichte von 222 Seiten zu erzählen weiß, denn der eigentliche Held ist Melvin und der ist ein ?Savant?. Harold dagegen ist ein typischer, missmutiger Engländer, der seine Aufgabe darin sieht, sich einmal im Monat aufzuhängen. Als geborener Verlierer glaubt er nicht mehr an den Erfolg seiner Aktionen, sondern er versucht die Eleganz seiner Misserfolge zu perfektionieren.In dem Moment kommt Melvin, ein ?neunmalkluges?, elfjähriges Genie, auf die Bühne. In seinem Gedächtnis hat er 1238 Bücher abgespeichert. Er kann sämtliche Beethoven-Sonaten auswendig, er ist sozusagen ein Roger Willemsen en miniature. Dafür leidet er an den typischen Hochbegabten Problemen: ?Ich habe 4,5 Dioptrien plus auf dem linken und 5,5Dioptrien auf dem rechten Auge. Meine Hobbys sind mir nicht bekannt.? Mit diesen Vorzeichen soll Harold Babysitter für Melvin sein. Eine Woche. Denn Melvins Mutter, alleinerziehend, hat ihre vollständige Präsenz für ihre Firma angeboten und die schickt sie eine Woche in eine andere Stadt. Melvin kennt sich bei Pferdewetten aus und schleift Harold auf den Rennplatz. Mit Kennerblick untersucht er Pferd und Jockey und weiß, Orpheus gewinnt, ganz klar. Harold setzt seine letzten 20 Pfund. Und Orpheus wird ? haushoch ? letzter. Das sind Harold und Melvin: Ein arbeitsloser Wurstfachverkäufer und ein Genie, wie man es seit Hegel nicht mehr gesehen hat. In dieser einen Woche mit Melvin beginnt nun für Harold ein Roadmovie. Einzlkind hat dafür in die Trickkiste der großen Literatur gegriffen: Er bemüht Harold und Maude, schielt zu Capotes Frühstück bei Tiffany. John Irving steht Pate und eine Comedy Anleihe bei Monty Python lässt grüßen. Und im Ulysses hat er 800 Pfund versteckt, die Melvin im Portemonnaie der Mutter gefunden hat. Melvin will in dieser einen Woche seinen Vater suchen?. Harold: Lesevergnügen pur. Ich habe mich riesig amüsiert trotz der Versatzstücke aus dem großen Topf der Weltliteratur. Wer dann noch Spaß an Wortschöpfungen hat, wie ?Mevin strohhalmt Cola, pimaldaumen u.a. ist diesem Kleinod schon verfallen. Wer immer dieser Einzlkind ist und wer diesen Roman geschrieben hat, es muß ihm teuflischen Spaß gemacht haben und dieser Funke Spaß springt sofort auf den Leser. Das Schlußwort von Jim, dem Tankwart: ?Lieber Einzlkind als gar keine Geschwister.? Kommentare

Je schneller ich gehe, desto kleiner bin ich
"Ich habe schon immer gern Dinge zu Ende gebracht. Ohrenwärmer. Sommer. Herbst. Frühling. Winter. Epsilons Berufsleben. Die Sachen erledigt." So beginnt ein kleiner, feiner, außergewöhnlicher Roman der jungen Norwegerin Kjersti A. Skomsvold. Ihre Heldin Mathea Martinsen ist fast hundert Jahre alt und am liebsten würde sie sich einfrieren. Solange, bis sie sich überlegt hat, wie sie den Rest ihrer Lebenszeit am besten nutzen kann. Epsilon - so nannte sie ihren vor kurzem verstorbenen Mann und so wie er lebenslang ihr Maßstab, ihre Orientierungsmarke war, so orientiert sie sich nun am Epsilon als statistische Einheit. Sie resümiert ihr Leben, ihre Ehe und wird gewahr, dass nichts von ihr überdauern wird, dass sie ihre Lebenszeit nicht genutzt hat. Sei es aus Überdruss, aus Schüchternheit, aus Bequemlichkeit. So ganz kann sie das selber nicht mehr klären. Gerne würde sie etwas hinterlassen, damit die Nachwelt weiß, dass sie überhaupt gelebt hat. Schliesslich leben momentan mehr Menschen auf der Welt, als jemals gestorben sind. Und da wäre es doch "fein, das Zünglein an der Waage zu sein". Aber ist eine vergrabene Kiste, ihr Brautkleid und Legionen von für Epsilon gestrickte Ohrenwärmern enthaltend, dafür ein probates Mittel? Obwohl sie in ihrem (Ehe-)leben nur ein einziges Mal Besuch erhielten, versucht sie nun eine zaghafte Annäherung an ihre Mitmenschen. Eigentlich geht sie nur aus dem Haus, bevor sie sich durch ihren Türspion versichert hat, dass ausser ihr niemand im Treppenhaus ist. Nun grüßt sie mutig den Mann ohne Namen im Wald, sogar dem Nachbarn, den sie ihr Leben lang nur von oben herab gesehen hat, leiht sie Zucker. Mutig geworden geht sie gar zu einem Senioren-Kaffeeklatsch mit Bingo "Vergnügen" - und scheitert. Wieder einmal an ihrer eigenen Unsichtbarkeit, in langen Jahren zur Perfektion ausgebildet. Sie gehört nicht zu der Spezies, die Kuchen bekommen und ihre Jacke wird als Kuriosität versteigert. Kjersti A. Skomsvold erzählt mehr ein versponnenes Märchen denn eine Handlung oder gar eine Biographie. Anrührend, bisweilen recht vergnüglich erzählt sie von der Kunst des Lebens und Sterbens und dem Scheitern an diesen Künsten. Noch vor dem bittersüßen Ende kommt Mathea zu der Erkenntnis "so muss es sein, wenn man tot ist, wie als man noch nicht geboren war, und das war ja nicht die schlechteste Zeit." Die junge norwegische Autorin hat ein ganz beachtenswertes Debüt geschrieben, in Norwegen viel bejubelt - und ja, zumindest dort schon mit Preisen dekoriert. In diesem Bücherherbst ist viel von gescheiterten Lebensentwürfen zu lesen. So auch in diesem. Dennoch ist es nicht ein weiteres zu dieser Thematik, denn es ist gleichzeitig auch ein Buch, welches Hoffnung mitgibt - zudem so einige Wahrheiten und Erkenntnisse über das Leben. In Presseberichten wurde Mathea eine rührende alte Dame voller Weisheit genannt. Das kann ich so nicht sehen. Es ist nicht rührend, eigentlich ist es erschütternd. Man liest das Buch mit einem Schmunzeln, kann sich aber des traurigen Mitleidens für die des Lebens so unfähige Mathea und ihres dadurch sehr eingeschränkten Epsilon nicht erwehren. Jeder Leser wird nach der Lektüre seine eigene Interpretationsmöglichkeit des sperrigen Titels finden, jeder Leser wird die Geschichte auch auf seine eigene, auf ihn selbst gemünzte Art interpretieren. Und das ist sicher die eigentliche Kunst des Buches. Es regt zum Nachdenken an - und zu eigener Entscheidungsfindung. Ich hatte in diesem Portal schon eindringlich die Bücher der norwegischen Ausnahme-Autorin Anne B. Ragde empfohlen. Die junge Osloerin schickt sich an, in ihre Fußstapfen zu treten. Kjersti A. Skomsvold beweist in meinen Augen einmal mehr, dass es sich lohnt, die skandinavische Literatur jenseits der Krimis und Thriller für sich zu entdecken. Ich bin mir sicher, von ihr wird noch viel zu lesen sein. Kjersti A. Skomsvold Je schneller ich gehe, desto kleiner bin ich Verlag Hoffmann und Campe, 2011 ISBN 978-3-455-40094-6 Kommentare

Paul Ingendaay - die romantischen Jahre
"Und ist ihm sonst auch nichts gelungen, dann macht er in Versicherungen". Hätte Marko Theunissen eine mit ähnlich klugen Lebensweisheiten gesegnete Omma gehabt wie ich, wäre ihm sicher das ein oder andere erspart geblieben. Ganz recht. Marko Theunissen. Der Held aus "Warum Du mich verlassen hast" begegnet uns in seinen romantischen Jahren wieder. Noch lange nicht erwachsen geworden, aber ins Erwachsenenleben integriert. Der Literaturstudent mit reichlich Flausen im Kopf ist nun Versicherungsvertreter. Oder auch Agent. Weil sich das besser anhört, befindet Joe, seine kleine Freundin aus der Nachbarschaft. Paul Ingendaay erzählt in seinem zweiten Roman die Lebensgeschichte eines Mannes weiter, der nicht so genau weiß, was sein Lebenstraum ist und sich vielleicht genau deswegen nachgerade trotzig dazu entschließt, die Lebensträume und Risiken anderer zu versichern. Denn wie um alles in der Welt kann man Romantiker sein und doch Versicherungsvertreter an der gönne Kant des tiefsten Niederrheins werden? Wie kann es sein, dass einer zehn Jahre lang Literaturwissenschaften studiert, Bildungsreisen inclusive und sich plötzlich in der Ellenbogenwelt des vertriebsorientierten Kundensprechs, der Bonifikationen, der "Ich-hab-da-zwei-Leben-in-der- Anbahnung" ? Abschlussgeilheit wieder findet? Während Theunissen in einer Branche, welche "hinreichend Platz für alle Gemeinheiten der Menschennatur bietet" , die Balance zwischen Überleben und Fairneß zu halten sucht, kämpft er gleichzeitig an den ältesten Fronten der Menschheit: Den Verflechtungen der Liebe und denen mit der eigenen Familie. Gewonnene Einsichten sowohl aus dem "Haifischbecken" der Versicherungsbranche als auch aus dem nicht minder bissigen Umfeld des Literaturbetriebs helfen ihm dabei.."Menschen neigen dazu, sich selbst als Einzelfall zu sehen und deshalb vom Schicksal eine Einzelfallsbehandlung zu erwarten." Ingendaay erzählt fabulierfreudig, mit der Sprache spielend, eine ganz normale Geschichte. Eine Geschichte, wie sie heutzutage wohl eher die Regel denn die Ausnahme ist. Eine Geschichte von Unentschlossenheit, von zerplatzten Lebensentwürfen, von verratenen Idealen und Selbstbetrug. Er erzählt sie liebevoll, von viel Verständnis für die sich so schnell in Schubladen stecken lassenden Menschen getragen. Er weiß, dass "je mehr Entscheidungen wir dann aber treffen, umso kleiner werden die Chancen auf einen ganz anderen Lebensentwurf". Mit einem guten Gespür für Würde und Würdelosigkeit mischt der Erzähler sich mit feiner Ironie ein und lenkt die Dinge in eine zwar von Kompromissen getragene, aber durchaus befriedigende Richtung. Denn "das Schicksal schlägt auch nicht zu. Es hat ja keine Arme. Das Schicksal ist, was wir sind. Unser Schicksal ist die Summe unserer wechselnden Zustände in einem gegebenen zeitlichen Rahmen." Der Autor selbst nennt sein Buch "den Roman der verpassten Möglichkeiten". Kennen wir das nicht alle? Der Klappentext verspricht "den Sieg der Möglicheit über die graue Realität". Wünschen wir uns das nicht alle? Und tatsächlich schafft es unser Held, sein Leben nicht zum emotionalen Schadensfall werden zu lasen und es gelingt ihm mit etwas Glück und viel Chuzpe einem äußerst widerwärtigen Exemplar von Kollegen (kennen wir den nicht auch alle?) das Handwerk mit Hilfe von "Rosinenschnecken" zu legen. Sehr gelungenes Ende! Marko Theunissen ist die meiste Zeit "glücklich immer nur gewesen " und rettet sein Motto "Ich bin liebenswürdig, sinnenfroh, grausam und einsam" in eine Zukunft, von der hoffentlich weiter zu lesen sein wird. Ich für meinen Teil werde einige der ebenso klugen wie verqueren Einsichten des Herrn Versicherungsagenten behalten und ganz besonders das schöne spanische Sprichwort "Dar tiempo al tiempo" (Der Zeit muss man Zeit geben) zu beherzigen suchen. Der Autor: Paul Ingendaay lebt seit 1998 mit seiner Familie in Madrid als Kulturkorrespondent der FAZ. Einem breiteren Publikum ist er nicht nur als Herausgeber der Gesamtausgabe von Patricia Highsmith bekannt, sondern auch als Autor der beliebten "Gebrauchsanweisung für Spanien". Mit dem Alfred-Kern-Preis ausgezeichnet, hat er sich auch als Literaturkritiker einen Namen gemacht. Insofern freut es ganz besonders, dass Ingendaay mit den romantischen Jahren schon den zweiten exzeptionell guten Roman vorgelegt hat. Paul IngendaayDie romantischen Jahre Piper Verlag, September 2011 ISBN: 9783492054744 Kommentare

Kindle-E-Books: Indie-Autoren stürmen die Charts
Am 21. April 2011 begann für viele deutschsprachige Autoren eine neue Zeitrechnung: Amazon.de eröffnete den seit langem sehnlichst erwarteten Kindle-Shop und damit die mit Abstand größte E-Book-Plattform unseres Sprachraums. Bereits im Jahre 1 nach Kindle zeigt sich, dass die Welt der Bücher durch E-Books umbrochen und neu sortiert wird. Erstmals in der Geschichte des Verlagswesens haben Autoren die Chance, selbstbestimmt am Markt teilzunehmen. Aus Bittstellern, die an den Toren der etablierten Verlage kratzen, sind in weniger als einem halben Jahr selbstbewusste Autoren geworden, über deren Schicksal das Publikum entscheidet. Die Stunde der verlagsunabhängigen Indie-Autoren (von independent = unabhängig) hat damit auch in deutschen Landen geschlagen! Amazons Kindle-Shop bot bereits beim Start die größte E-Book-Auswahl in Deutschland. Rund 650.000 Titel sind insgesamt verfügbar, darunter befinden sich zahlreiche Bestseller. Mehr als 40.000 deutschsprachige Titel befinden sich im Angebot, davon sind 15.000 allein in den letzten Monaten dazu gekommen. Unschlagbarer Vorteil der Kindle-Elektrobücher ist, dass kein spezielles Lesegerät (Reader) erforderlich ist. Mit einer kostenlos ladbaren App können die Bücher unabhängig vom Betriebssystem auf jedem Rechner, auf iPhone, iPad und Blackberry gelesen werden. Kindle im Selbstversuch Von meinen bislang 24 gedruckt vorliegenden Büchern stellte ich sofort diejenigen, deren elektronische Verwertungsrechte bei mir liegen, in den deutschen Kindle-Shop ein. Darüber hinaus bereitete ich vorliegende Manuskripte auf und wandelte sie in E-Books um. Mit einem Dutzend Elektrobüchern ging ich an den Start und voilà: Ich rutschte mit einigen Titeln über Nacht auf die ersten Plätze der Amazon-Bestsellerliste. Dieser schnelle Erfolg war der Tatsache geschuldet, dass ich als ?Early Adoptor? eine ungewöhnlich günstige Ausgangsposition hatte, und die Konkurrenz tief schlief. Inzwischen ist der Konkurrenzkampf voll entbrannt, und auch die großen Verlage betreten die Bühne. Derweil ist mein Ratgeber ?Wie veröffentliche ich ein E-Book auf amazon.de? oder: Kindle für Autoren? zum Topseller avanciert. Seit mehr als 100 Tagen hält sich der mit ? 0,99 bewusst günstig ausgepreiste Titel in den Amazon Top-100-Verkaufscharts, und er verkauft sich weiter wie geschnitten Brot. Inzwischen ist es mir darüber hinaus gelungen, mit meinen historischen Miniaturen ?Wie die Germanen den Tanga erfanden ?? einen weiteren Titel in die Hitparade der Top-100-Verkäufe zu drücken. Dabei kämpfe ich immerhin gegen mehr als 40.000 andere Titel und spiele gegen große Namen wie Steig Larsson, Adler Olsen, Jo Nesbø, John Grisham, Charlotte Roche, Umberto Eco, Christopher Paolini, Andreas Eschbach, Perry Rhodan, H. P. Lovecraft, Grimms Märchen und die Bibel. Wie wurde dieser ungewöhnliche Erfolg möglich? Lehre Nummer Eins ist, dass Pionieren immer ein weites Feld offen steht. Dieser Gedanke zieht sich wie ein roter Faden durch mein gesamtes Leben, und er bestätigt sich erneut am Beispiel des Kindle. Vor rund 40 Jahren hatte ich als erster deutscher Verleger offen bekannt, Dienstleistungen für Autoren erbringen zu wollen und darauf eine Geschäftsidee unter dem Slogan ?Verlag sucht Autoren? gegründet, die vielfach kopiert und nachgeäfft wurde. Trotz Schmähungen von Leuten, die Autoren das Recht absprachen, sich für ihr eigenes Werk auch finanziell zu engagieren, wurde das Unternehmen zu einem enormen Erfolg: Mehr als zehntausend Texten neuer Autoren verhalf ich als Herausgeber und Verleger zur Veröffentlichung. Davon erschienen rund dreitausend in Einzelbüchern. Diese Phase beschreibe ich in meiner Lebensabschnittsgeschichte ?Der Bücherprinz?, die selbstverständlich auch als E-Book bei Amazon erhältlich ist. 2003 verkaufte ich den Verlag und betrat wiederum Neuland, indem ich mich dem digitalen Publizieren zuwandte, Print on Demand und Book on Demand im Selbstversuch testete und auch in diesem Segment Erfolge einheimste und gutes Geld verdiente. Es war insofern kein großer Schritt, vollständig in die Welt der elektronischen Bücher einzutauchen, und ich bin zuversichtlich, darin noch eine lange Zeit angenehm schwimmen zu können, denn: Digital überholt Print. Lehre Nummer zwei aus meinen bisherigen Erfahrungen mit der Kindle-Edition von Amazon ist, dass Nischentitel auch beim E-Book beste Chancen haben. Der Titel, mit dem ich nach Eröffnung des deutschen Kindle-Shops für einige Wochen die Hitparaden Amazoniens stürmte, war nicht der im Print mit mehreren tausend Exemplaren sauber laufende ?Bücherprinz?, wie ich vermutet hatte. Es war ?Der Hauptmann von Köpenick. Die wahre Lebensgeschichte des Wilhelm Voigt?, eine sozialkritische Kurzbiographie anhand der Original-Gerichtsakten. Dieser Text existiert übrigens ausschließlich als E-Book und kostet schlappe ? 0,99. Besonders überraschte mich, dass das E-Book über den US-Store vielfach geordert wurde, und auch im britischen Store beachtliche Verkäufe stattfanden. Lehre Nummer drei: Ohne Qualität geht es nicht. Vielleicht würde ich mit Titeln in den Abteilungen Fantasy, Horror oder Erotik bereits größere Erfolge erzielt haben. Doch in diesen Genres habe ich noch nie geschrieben, und ich kann es vermutlich auch rein handwerklich nicht. Zudem ist der Markt überlaufen. Vor allem Autorinnen wandeln auf den Spuren Amanda Hockings und träumen vom Durchbruch. Er sei ihnen von Herzen gegönnt, aber klar ist auch, dass ohne Qualität kaum Chancen bestehen, eines schönen Tages zu den Auflagenmillionären zu zählen. Kein Leser greift freiwillig zum zweiten Buch eines Autors, dessen Stil ihn bereits einmal gelangweilt hat. Der Leser will unterhalten werden, und auch das schnödeste Sachbuch kommt nur dann gut an, wenn sein Verfasser im Kopf seiner Leser spazieren geht. Schreiben ist immer noch Handwerk, das wird es auch bleiben. Die Digitalisierung und Kindle verändern dies nur insofern, als jeder Müll ungeprüft zum E-Book avancieren kann. Im E-Book-Bereich wird es einen Wettbewerb zwischen Gut und Schlecht geben. Dieser wird härter und schneller geführt werden als im Printbereich. Das liegt an den niedrigeren Einstiegspreisen sowie am aktiven Feedback der mehrheitlich jungen Leser, die es als ?Digital Natives? gewohnt sind, ihre Meinung in Leserrezensionen, Foren und Blogs zu verbreiten. Und dies führt direkt zur nächsten Erkenntnis, die ich beim ?Kindlen? gewonnen habe. Lehre Nummer vier: Wer sozial vernetzt ist, hat bessere Karten. Bücher werden nicht dadurch verkauft, dass sie veröffentlicht werden. Diesen Zahn mussten sich viele Autoren bereits im Printbereich ziehen lassen. Sie träumten, ihre zwischen zwei Buchdeckel gepressten Äußerungen würden Buchmenschen zum Sturm auf Buchhandlungen bewegen. Diesen Zahn müssen sich ebenso auch E-Book-Autoren ziehen lassen, denn das Einstellen in den Kindle-Store und die bloße Verfügbarkeit bei Amazon schafft null Umsatz. So gibt es bereits jetzt hunderte E-Books, von denen noch kein einziges Stück verkauft wurde. Der besten Promoter eines E-Books sind sein Verleger und sein Autor. Handelt es sich um eine Personalunion, liegt die volle Last auf den Schultern des Autors. Wer nun die Börse zückt und Anzeigen oder Werbespots für viel Geld schaltet, hat damit eventuell Erfolg. Die jahrelangen Erfahrungen der US-Autoren sprechen indes dagegen. Besser ist es, auf denjenigen sozialen Gemeinschaften aufzubauen, in denen der Autor seit langem aktiv ist und vielleicht schon über sein Buch berichtet, Leseproben eingestellt und Erfahrungsaustausch gesucht hat. Ich meine damit sowohl die Nachrichtenkanäle unserer Zeit wie Twitter, Facebook, Google+ wie die Blogosphäre, wo ein Gedankenaustausch intensiv und ausführlich möglich ist. Hier gilt es, eine Gemeinde oder einen Fanclub um sich zu scharen, die sich auf das E-Book freuen, es erwerben und die frohe Kunde verbreiten. Mir helfen jedenfalls die mehr als 11.000 Follower meines Twitter-Accounts und tausende Freunde bei Facebook, Google+, XING, Qype, LovelyBooks und diversen Blogs enorm. Es hat zwar jahrelange Mühe gekostet, diese Gemeinschaften aufzubauen und zu pflegen, doch all das zahlt sich konkret aus, und ich bedanke mich bei allen treuen Lesern herzlich dafür. H I E R  geht es zum E-Book-Shop von Prinz Rupi

Jan Weiler: Mein neues Leben als Mensch
Ein Familienvater hat es nicht leicht. Vor allem dann nicht, wenn die eigenen Kinder die Mutter für den Boss halten, sie die vom Papa aufgeschnappten Schimpfworte immer im falschen Moment parat haben und obendrein der Schwiegervater Antonio Marcipane heißt. Der ist ja seit ?Maria, ihm schmeckt?s nicht? bekannt und beliebt und immer für Überraschungen gut. In der (bereits zweiten) Sammlung von Kolumnen, die Jan Weiler derzeit für die Welt am Sonntag schreibt, tritt Antonio als Angelexperte und Leihosterhase auf, leidet bei der ?Wäh-Emme? mit der italienischen Fußballmannschaft und schafft es durch diplomatisches Geschick, die Lehrerin seines Enkels Nick zu beschwichtigen. Nick versucht derweil seine Angst vor der Geisterbahn zu bekämpfen, der adipösen Hamsterdame Gimli das Fallschirmspringen beizubringen und entdeckt im Garten einen Erdzwerg. Die zwölfjährige Tochter Carla hat mit dem Erhalt einer Zahnspange die nächste Stufe als Pubertier (ein Begriff, von dem ich dachte, Tara91 hätte ihn erfunden) erreicht und der Leser darf mitverfolgen, wie kompliziert ihre Beziehung zu ihrem Freund Max ist und wie ein unüberlegter Kommentar auf Facebook den Vater aufs Abstellgleis befördert. Am besten wäre, sich von den insgesamt 60 Texten, jeweils einen zum Frühstück zu genehmigen. Mit einem Kichern den Tag begrüßen. Dann wäre man für den eigenen ? mitunter ähnlich skurrilen - Alltag gewappnet. Klappt natürlich nicht, denn ruckzuck ist das halbe Buch am Stück gelesen. Und aufgepasst: Nur weil es morgens nebelig ist, heißt es nicht, dass alle Nachbarn ihre Häuser verpixelt haben. Wem die erste Sammlung "Mein Leben als Mensch" gefallen hat, wird auch dieses Buch mögen. Jan Weiler hält sein amüsantes Niveau, die Texte bergen abgedrehte Gedankengänge und viele werden sich selbst wiedererkennen. Außerdem gibt es wieder liebevolle Illustrationen von Larissa Bertonasco. Jan Weiler: Mein neues Leben als Mensch. 232 Seiten, Kindler Verlag 2011, 16,95 Euro. Kommentare

Wehe dem Gewinner
Social Media haben auch ihre Kehrseite, gerade was die Reaktionen auf kreatives Arbeiten angeht. Nicht jeder Autor hat die Gelassenheit, sich der (im besten Fall) ehrlichen instant-Kritik an seinem Werk oder gar dem (meistens teilweise) Gepöbel zu stellen. Das ist, bei aller Liebe für die neue digitale Netzwelt, schade, denn es gehen uns dadurch vielleicht echte Taltente verloren. Ein aktuelles Beispiel ist das Echo auf den Gewinner des jährlichen Schreibwettbewerbs des Kundenmagazins für den deutschsprachigen Buchhandel Buchjournal. Für ihre lesenswerte Kurzgeschichte "Das Fleisch" hat Susanne Wedlich (die als Wissenschaftsjournalistin arbeitet) zu Recht das einstimmige Votum der fünfköpfigen Jury erhalten. Bei der offiziellen Preisvergabe auf der Buchmesse in Frankfurt winkt ihr ein Buchgutschein (und vielleicht auch ein bisschen Aufmerksamkeit der Branche für ihr nächstes Schreibprojekt). Im Internet dagegen schlägt ihr ein erschreckendes Maß an offener Ablehnung entgegen. In den Kommentaren des Textes, der auf den Seiten des Buchjournal online steht, sparen die teilweise anonymen Leser nicht mit deftigen Ausdrücken. "fantasielos", "ekelhaft", "Thema verfehlt!", "grauenhaft", "rau und rüpelhaft!" - wohlgemerkt, es geht hier um einen zwar unlektorierten Text, aber dennoch um ein Werk, das bei über 1.000 Einreichungen das Lob der Fachjury auf sich vereinte. Was ist hier passiert? Hat der Text mit seiner kraftvollen Bildsprache im besten Sinne des Wortes elektrisiert, den Nerv getroffen? Oder sind es andere, verschmähte Teilnehmer des Wettbewerbs, die hier ihrem Ärger Luft machen? Fehlt Susanne Wedlich ein Netzwerk von Hurrah-Upvotern, das in vielen Literturplattformen unverzichtbar scheint? Es bleibt zu hoffen, dass sie - und alle anderen Opfer des rauhen Umgangstons, der im Internet herrscht - diese Feuertaufe übersteht, ohne den Drang zum und die Lust am Schreiben zu verlieren. Kommentare

Eugen Ruge - In Zeiten des abnehmenden Lichts
Bereits 2009 bekam Eugen Ruge für sein Prosa-Manuskript den renommierten Alfred-Döblin-Preis. Nun liegt der fertiger Roman vor, bereits mit dem Aspekte Literaturpreis ausgezeichnet und auf der Shortlist des deutschen Buchpreises. Von Kritikern einhellig bejubelt, vom Otto Normal-Leser ? zumindest von denen, die es sorgsam lesen und sich nicht nur ins Regal stellen, weil es ja das Must-have des Buch-Herbstes ist - eher zwiespältig beurteilt. "In Zeiten des abnehmenden Lichts" erzählt Ruge anhand einer sich über 4 Generationen erstreckenden ostdeutschen Familiengeschichte das Epos vom allmählichen Untergang der DDR und der sozialistischen Ideologie. Kaleidoskopartig erzählt er in wechselnden Perspektiven von bröckelnden Mauern sowie vom bröckelnden Familienzusammenhalt. Es darf vermutet werden, dass Ruge mit der Geschichte des Powileit/Umnitzer-Clans weite Teile der Geschichte seiner eigenen Familie bewahrt. Eine Familie, die zum mit der Mauer untergegangenen intellektuellen DDR- Establishment gehörte, dem heutzutage keine größere historische Relevanz mehr zugebilligt wird. Der 1.Oktober 1989 ist die Klammer, die dieses Buch zusammenhält. Es ist der Geburtstag des Patriarchen Wilhelm ? überzeugter Kommunist, der durch die Machtergreifung Hitlers einst mit seiner Frau Charlotte ins russische Exil, später in unbedeutende Geheimdienstmissionen gezwungen wurde. Dieser Tag wird aus der Perspektive jedes einzelnen Familienmitglieds erzählt ? immer unterbrochen von szenischen Momentaufnahmen beginnend mit den frühen Fünfzigern bis hin zum September 2001. Wir erleben die Geschichte von Kurt, der als einziger Sohn überlebte ? sowohl den zweiten Weltkrieg als auch den sowjetischen Gulag. Kurt, der zwar an die Veränderbarkeit der Welt unvermindert glauben möchte, der aber eher ein sich arrangierender Mitläufer denn überzeugter Parteifunktionär ist. Die Strahlkraft der politischen Utopie nimmt von Generation zu Generation weiter ab, über den unglücklichen, sich aber nicht engagierenden Enkel Sascha bis hin zum schließlich aufbegehrenden Ur-Enkel Markus. Ruge setzt in seiner Erzählung ganz auf präzise Beobachtung, es ist ihm wichtig, seinen Figuren Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Obwohl von einem melancholischen Unterton getragen, kommt seine Sprache unprätentiös, fast nüchtern daher. Seltsam distanziert bleibt dementsprechend der Leser, zumal die ständigen Zeitsprünge und Perspektivwechsel ihm einiges abverlangen. Dazu kommt, dass Ruge sich des öfteren in kleinlichen Hakeleien verliert, die seinen Hass auf den realen Sozialismus klar zutage treten lassen und den Leser ohne detailliertes Hintergrundwissen leicht überfordern. Die Geschichte verliert in seinem Lauf viel vom furiosen Schwung der Anfangskapitel, zum Ende hin wird es gar mühsam. Man hat das Gefühl: Es reicht. Wir haben es jetzt verstanden. Wir brauchen nicht noch eine Drogenabhängigkeit, nicht noch eine tödliche Krankheit, nicht noch einen Streit, nicht noch eine demente Götterdämmerung, um die Botschaft des Buches entziffern zu können. Denn bei allem Verständnis bleibt doch die unbeantwortete Frage zurück: Wäre die Familie in einem anderem System glücklicher geworden? Natürlich werden nur wenige dieses Buch emotionslos lesen, sind die historischen Ereignisse doch bei fast allen auch mit privaten Erinnerungen oder Familiengeschichten verknüpft. Umso mehr hätte man sich wenigstens eine Figur gewünscht, mit der man empathisch diese Geschichte hätte miterleben und miterleiden können. Die Zeit war sicher mehr als reif für einen unverstellten Blick auf die DDR, die Nöte aber auch die Freuden des Lebens dort. Dies literarisch bewahrt zu haben, ist das große Verdienst Eugen Ruges und macht "In Zeiten des abnehmenden Lichts" trotz der Kritikpunkte ganz sicher zu einem der wichtigsten Bücher des Jahres. Definitiv kann der Autor für sich verbuchen, Geschichte als Familiengeschichte erlebbar gemacht und dem wiedervereinigten Land ein umfassendes ostdeutsches Panorama geboten zu haben. Gleichwohl tut man meiner Meinung nach dem Autor keinen Gefallen, wenn man sich in großen Feuilletons dazu versteigt, hohe Erwartungen zu schüren und gleich die ostdeutschen Buddenbrooks heraufzubeschwören. Die Buddenbrooks (diese Bemerkung gestatte ich - die ich Thomas Manns Epos als eines meiner liebsten Bücher bezeichne - mir) sind das Maß aller Dinge und ich glaube auch in der Tat nicht, dass Eugen Ruge mit seinem Buch das ostdeutsche Komplementärwerk vorlegen wollte. Was er vorgelegt hat, ist der derzeit gültige Roman zur deutschen Einheit aus ostdeutscher Sicht. Eugen Ruge kam 1958 mit seiner Familie zusammen nach Ost-Berlin. Sein Vater ist der bekannte Alt-Kommunist Wolfgang Ruge, der seinerzeit von den Sowjets in ein sibirisches Lager deportiert wurde. Eugen Ruge arbeitete zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentralinstitut für Physik der Akademie der Wissenschaften der DDR. Seit 1986 arbeitet er schriftstellerisch und wirkt seit 1989 hauptsächlich als Autor für Theater, Funk und Film. "In Zeiten des abnehmenden Lichts" ist sein Debütroman. Eugen RugeIn Zeiten des abnehmenden LichtsRowohlt Verlag, September 2011ISBN 978 3 498 05786 2 Nachtrag :  Am 10.10.2011 wurde bekanntgegeben, dass Eugen Ruge  für In Zeiten des abnehmenden Lichts den Deutschen Buchpreis 2011 für den besten deutschsprachigen Roman gewonnen hat. Kommentare

Rolf Gutsche - Aus dem Land der Affen
Der Affenregierung fehlt es zwar an Geld für Schulen, soziale Einrichtungen oder die Pflege ihrer Kranken, aber sie errichtet gerne sinnlose Bauten und denkt auch über Waffenkäufe nach. Wie gut, dass es trotzdem einige Untertanen gibt, die nicht alles klaglos hinnehmen und sich ihre eigenen Gedanken machen. Denn schließlich sind die Affen nicht alleine auf der Welt; es gibt auch noch andere Tiere, die ihre Rechte einfordern und mit denen man sich arrangieren muss, was nicht immer einfach ist. Rolf Gutsche ist seit der Gründung 1991 Mitglied im Potsdamer ?Literatur-Club für Menschen mit und ohne Behinderung? und da ihm durch eine spastische Lähmung die alltäglichen Dinge des Lebens nicht leicht fallen hat er sich folgendes Motto zu Eigen gemacht: Das Sprechen fällt mir schwer. Aber ich habe viel zu sagen. Also schreibe ich. Und das tut er richtig gut. Im vorliegenden Band wählt er die Kunstform der Fabel, eine Gattung die heute eher selten zu finden ist und dazu dient, philosophische und auch politische Erkenntnisse zu kommunizieren, indem man menschliche Charaktereigenschaften auf Tiere überträgt. Rolf Gutsche verarbeitet neben eigenen Erfahrungen auch gesellschaftliche Themen und schwingt bei seinen kritischen Anmerkungen keine schwere Keule; es sind feine Nadelstiche in einfacher, aber verdammt präziser Sprache, mit denen er den Leser zum Nachdenken animiert. Natürlich hat auch er nicht für alle Probleme die passende Lösung parat, aber er stellt die richtigen Fragen und das ist mehr als man von manchen Zeitgenossen behaupten kann, die das hauptberuflich machen. Fazit: Ein äußerst intelligentes Büchlein, das nicht zuletzt durch seine solide Aufmachung überzeugt, klare Kaufempfehlung! Rolf ist übrigens auch ein honoriger Bürger Blogsdorfs, der in seinem Blog einige der Fabeln aus seinem neuen Werk vorstellt und sich auf euren Besuch sehr freut. Rolf Gutsche Aus dem Land der Affen Engelsdorfer Verlag 2011 ISBN-13: 978-3862684212 Kommentare

Grau - Jasper Fforde
Ein Mann sieht rot. Und das ist auch gut so. Denn Eddie Russett lebt in einer Welt, in der jeder Mensch nur eine Farbe sehen kann. Wenn er Glück hat. Denn es gibt auch noch die Grauen. Die, die gar keine Farbe sehen können und ganz unten in der Hierarchie als unterwürfige Drohnen ihres Kollektivs dienen müssen. In Eddies Welt ist Farbe zu einer Ware geworden, welche die soziale Hackordnung bestimmt. Machtbefugnisse basieren ausschließlich darauf, welche Farbe man wie gut sehen kann. Eddie steht kurz vor dem gesellschaftlichen Aufstieg, durch seine exzellente Rotsicht sind seine Chancen auf dem Heiratsmarkt bis hin zur Erbin eines Bindfadenimperiums gestiegen. Er lebt in einer Welt, 500 oder 600 Jahre nach dem "großen Ereignis", genau weiß man das nicht. Es herrscht Löffelknappheit, dafür gibt es zum Glück Ovomaltine im Überfluss. Das Land ist fruchtbar. Es leben dort nicht allzu viele Menschen, dafür Sprungziegen und Antilopen. Äußere Zeichen früherer Zivilisation sind von wildwuchernder Megafauna verdeckt. Was der aggressive Rhododendron nicht schafft, wird durch verordnete Rücksprünge vernichtet. Höflichkeit ist verordnet, das Leben genau geregelt. Mit geschürter Angst vor Schwanattacken, Blitzeinschlägen und der Dunkelheit wird das Volk in Schach gehalten. Eddie fühlt sich nicht unwohl in dieser Welt. Wenn er nun noch lernt, seine Neugier und seine Kreativität im Zaume zu halten, dann steht einem erfolgreichen Leben als roter Präfekt nichts mehr im Wege. Womit er nicht gerechnet hat, ist die Liebe. Wider jede Vernunft verliebt er sich in Jane. Jane ist zwar wunderbar stupsnasig, aber eben auch der verachteten grauen Unterschicht zugehörig. Das ist fast genauso schlimm, als wenn sie Grüne wäre, denn intime Verbindungen zwischen Komplementärfarben sind verboten. Plötzlich hat Eddie mächtige Feinde, erfährt unbequeme, bestürzende Wahrheiten und seine Angebetete erwidert seine Liebe nicht. Sie ist nämlich nicht nur stupsnasig und eigensinnig, sondern hütet auch noch ein explosives Geheimnis, von dem Eddie bereits viel zu viel herausgefunden hat. So bleibt ihr nichts anderes übrig, als alles zu versuchen, Eddie den fleischfressenden Yateveo Bäumen zum Fraße vorzuwerfen. Jasper Fforde hat eine perfekt entworfene Welt gebaut, bis ins kleinste Detail durchdacht , überbordend vor Phantasie und Ideenreichtum. Anschaulich zeigt er, wie eine Diktatur funktioniert, was sie sympathisch macht und was angreifbar. Zum Beispiel die unüberschätzbare Macht der Neugier und die Wahrheit. Fforde selber sagt, dass es erschreckend einfach war. eine Hierachie zu erfinden. Er begann mit ein paar ganz einfachen Regeln, schuf eine Ordnung, die auf Farbwahrnehmung beruht und "sobald er einen Schuß Ehrgeiz und Missgunst zugab, kam ihm alles irgendwie entsetzlich vertraut vor." Er fasst in seiner Dystopie so manches heiße Eisen an, bis hin zur institutionalisierten Sterbehilfe, enthält sich aber jeder Wertung. In "Grau" entfaltet sich eine völlig neue, andersartige Welt. Abstrus und befremdend, in ihrem Wiedererkennungswert jedoch fast schon genial. Der Handlung tut es gut, dass Fforde nie der Versuchung erliegt, das "große Ereignis" näher zu spezifizieren. Sein humorvoller Stil macht Spaß, besonders die versteckten Anspielungen auf unsere heutige Welt, sich z.b. manifestierend in Namen oder Buchtiteln. Die Handlung verliert nie ihren roten Faden, hat jedoch einige Längen. Gerade im letzten Drittel , wenn die chromatokologische Welt einmal hinreichend gezeichnet ist, ist es oft des Guten ein bißchen zuviel. Da wird eine Intrige nach der anderen gesponnen, Verschwörungen geplant und man wünscht sich, er würde jetzt irgendwann mal zum Punkt kommen. Die Geschichte um Eddie Russett ist als Trilogie angelegt und trotz der erwähnten Kritikpunkte darf man gespannt und unüberschätzbar neugierig auf die Fortsetzung sein. "Grau" ist ganz sicher kein Sprung zurück und mehr als nur ein Hüpfer nach vorne unter den allzu oft immer gleichen Zukunftsvisionen. Der in Wales lebende Jasper Fforde wurde 2001 weltbekannt mit dem Roman "Der Fall Jane Eyre" und erschrieb sich mit seiner Thursday Next Reihe eine beständige Fangemeinde. Ins Deutsche übersetzt wurde das Buch von Thomas Stegers. Bei all den von Fforde neu erfundenen Begriffen sicher kein leichtes Unterfangen, hier aber sehr gut und sorgfältig gelöst, wie im Fall des gerade im Deutschen sehr doppeldeutigen Mustermanns. Zum Buch gibt es neben der Facebook Fanseite auch eine Microsite und einen Trailer. Jasper Fforde Grau Eichborn Verlag, September 2011 ISBN 978-3-8218-6140-1 Kommentare

Wann darf ich klatschen?
Eine Frage, die sich immer wieder dem interessierten Konzertgänger und Schöngeist stellt beantwortet von Daniel Hope, ISBN 978-3-499-62575-6, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 256 Seiten, 9,99 ? Alle Rechte beim Rowohlt Taschenbuchverlag Klassische Musik mögen viele. Aber gerade dort, wo man sie in ihrer ganzen Schönheit "live" und authentisch erleben kann, im Konzertsaal, fühlen sich manche fremd und unbehaglich. Das liegt nicht zuletzt an überkommenen Traditionen und Ritualen, die sich dem Laien sehr schwer erschließen. Daniel Hope, der berühmte Violinist begegnet auf seinen Tourneen immer wieder diesen Fragen: Warum werden die Instrumente nach dem Oboen-Ton gestimmt? Wieso gibt der Dirigent zu Beginn nur dem Konzertmeister die Hand? Weshalb wird mal mit, mal ohne Noten gespielt? Wieso ist der Frack die Dienstkleidung der Orchestermitglieder? Was macht der Geiger, wenn ihm eine Saite reißt? Und warum darf man zwischen den Sätzen einer Sinfonie nicht klatschen? Der kleine Ratgeber ist ein vergnüglicher Ausflug hinter die Kulissen des uns so fremden Konzertbetriebs. Viel Spaß mit dem kleinen Buch von Daniel Hope und dem nächsten Konzert. Kommentare

Ray Bradbury ? We'll always have Paris
- Ein Mann revanchiert sich für erlittenes Unrecht mit Liebe und wird natürlich dafür bestraft - Eine Frau besucht das Herz ihres Gatten in einem anderen Körper - Nach Einbruch der Dämmerung trifft sich eine ganz besondere Golfrunde - Zwei Freunde wetten um einen Mord - Manchmal sind Hunde die besseren Priester Von diesen Themen handeln einige der 22 Kurzgeschichten und wie stets bei diesem Autor ist die Sprache voller Poesie, eine einzigartige, schwer zu beschreibende Atmosphäre zieht sich durch das Buch, Momente bittersüsser Magie, oft melancholisch oder nostalgisch, mit liebevoll gezeichneten Protagonisten. Seit meiner längst vergangenen Jugend bin ich ein Fan von Ray Bradbury, der trotz seiner mittlerweile 91 Jahre nichts vom Zauber der frühen Werke verloren hat. Vielen dürfte der Autor hauptsächlich durch den (zugegebenermaßen vortrefflichen) Roman "Fahrenheit 451" bekannt sein und das ist schade, denn sein Spektrum ist wesentlich größer, er hat so viel mehr zu bieten. Interessierten Lesern sei auch "Das Böse kommt auf leisen Sohlen" oder "Die Mars-Chroniken" empfohlen. Ray Bradbury We'll always have Paris Harper Voyager ASIN: B002RI9QLM Kommentare


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